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Das «Mätthu-Gefühl»

Schwarzsee-Schwinget, Schwingen: BZ-Redaktor Martin Burkhalter mimmt Schwingunterricht. © Andreas Blatter
Schwarzsee-Schwinget, Schwingen: BZ-Redaktor Martin Burkhalter mimmt Schwingunterricht. © Andreas Blatter

 

Schwingern zuschauen und selber schwingen, das sind zwei Paar Schuhe. Dreieinhalb Gänge als «Böser» am Schwing- und Älplerfest Schwarzsee.

Erschienen in der Berner Zeitung 20. Juni 2016

Da sind gute Ansätze auszumachen», sagt Hans-Peter Dousse, langjähriger Jungendschwingtrainer des Schwingklubs Sense. Der schnaufende und schwitzende Journalist mit Sägemehl an allen möglichen Körperstellen (Bauchnabel!) nickt und nimmt das Lob stolz entgegen. Die Sonne scheint. Aber das kommt später. Vorher regnet es. Während überall sonst der Fussball das einzige Thema zu sein scheint, sind hier im freiburgischen Plaffeien am Sonntag um die 3000 Menschen zusammengekommen, die sich für etwas anderes als die Fussball-Europameisterschaft in Frankreich interessieren: ür die «Bösen».

Das Schwingund Älplerfest Schwarzsee findet auch in diesem Jahr wegen Umbauarbeiten nicht in Schwarzsee statt, sondern eben in Plaffeien. Und auch heuer ist das Wetter zum Davonlaufen. Aber das sehen möglicherweise nur unkundige Journalisten so. Denn die Zuschauerränge sind voll. Hüte, nichts als Hüte, so weit das Auge reicht, und Militärpelerinen, gutes Schuhwerk und Thermosflaschen. Eines ist klar: Die Schwingerfans lassen sich die Stimmung von ein bisschen Regen nicht vermiesen. Sie sitzen dicht an dicht auf den Bänken und nehmen die Sache ernst. Die drei Sägemehlringe schwimmen wie goldene Inseln in einem See aus Schlamm. Die Halbliter-Bierflaschen schäumen bereits früh am Morgen.

Der erste Gang ist gerade vorbei. Die Stimmung ist auf eine solide Weise gut. Eine Überraschung gabs: Kilian Wenger verlor gegen den Nordostschweizer Routinier Stefan Burkhalter. Ansonsten, zumindest für unkundige Schwingzuschauer, nichts Aussergewöhnliches. Sempach und Stucki gewinnen.

Nicht alle sitzen während des zweiten Gangs im Regen. Weil: Unten gibt es Stände mit Sandwiches, Gebäck und Würste. Und vor allem gibt es dort unten Schwingerkafis – serviert in mittelgrossen Suppenschüsseln. Vor dem Stand stehen sie dann rum, die Schnauzbärtigen und Hemdsärmligen, plaudern, fachsimpeln, lachen und – weil es immer noch regnet und die Wolken so tief hängen, dass man reinbeissen könnte – stimmen ein Liedchen an.

Oben bei den Tribünen liegen sich die «Bösen» immer noch in den Armen. Mätthu! Mätthu!, hallt es von den Rängen. Aber der Sempach war doch schon dran? Wie sich zeigt, heisst nicht nur der König Matthias. Vom Bernisch-Kantonalen Schwingerverband sind heute gleich vier Mätthus im Einsatz. Und am Ende des dritten Ganges sind dann auch drei auf den Plätzen eins bis fünf. Sempach an der Spitze.

Der Speaker vermeldet: «Nicht erschrecken. Was Sie da am Horizont sehen, ist blauer Himmel. Nur keine Aufregung, das geht vorbei.» Es scheint, dass sich kaum jemand so über die Sonne freut wie der, der sich jetzt bald selber in den Ring wagen muss. Denn nach dem dritten Gang ist Mittagspause. Nun dürfen auch die Journalisten zum Schnuppern ins Sägemehl.

Hans-Peter Dousse vom Schwingklub Sense hat für den Hosenlupf-Kurs zwei würdige Gegner gefunden. Fredy Riedo, Jahrgang 1995, gut einen Kopf grösser als der Journalist, 95 Kilogramm, und Adrian Morger, geboren 1992, Kranzschwinger, 176 Zentimeter gross, 90 Kilogramm schwer. Steht man einmal selbst im Sägemehlring und hat den Kopf an eine starke Schulter gelehnt, riecht den Schweiss seines Gegenübers und hört ihn atmen, ja dann fühlt man sich gleich selber ein wenig wie ein Mätthu.

Auf los mit aller Kraft am Gurt des Gegners ziehen und dann: nichts. Fredy Riedo ist ein Fels. Keine Chance. Und noch bevor man sich fragt, was man jetzt tun könnte, liegt dieser Fels auf einem, warm und nett lächelnd. Nein, so geht das nicht. Es braucht Taktik, Methode, Technik. Hans-Peter Dousse erklärt daraufhin erst mal, wie der berühmt-berüchtigte Wyberhaken geht. Tückisch, muss man sagen. Denn: Weil man dabei das Bein beim Gegner einhakt, wird man selber zur leichten Beute. Umso herrlicher das Gefühl, wenn es klappt. Man landet weich auf einem harten Schwinger. Der Hüfter ist dann schon komplizierter.

Adrian Morger ist so nett und lässt den bereits arg schwitzenden Journalisten machen. Um den Hüfter auszuführen, packt man den Gegner vorne an der Schwingerhose. Mit der rechten Hand schnappt man sich den linken Oberarm, drängt sich mit der linken Seite möglichst tief unter den Gegner und wirft ihn mit Ruck kopfüber auf den Rücken. Adrian Morger lässt es geschehen. Da ist es wieder das «Mätthu-Gefühl». Auch beim nachfolgenden Überspringer und beim inneren Haken wird klar: So schwer ist das nicht, solange Morger mitmacht. Dann macht der Kranzschwinger aber nicht mehr mit.

Rückblickend kann gesagt werden: Genau dann, als Adrian Morger, auf dem Journalisten liegend, mit ruhiger Stimme sagte: «Und jetzt musst du dich wehren», war das der Moment, als das Sägemehl auch noch in die Unterhose gelangte. Ja, es ist ein langer Weg bis zum Mätthu.

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