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Die Sache mit dem Springer

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In Reih und Glied stehen die Schachfiguren bereit.
Bild: Stefan Anderegg

Schreinermeister Ulrich Wälti ist sehr darum besorgt, dass seine 192 Schachfiguren eine gute Figur machen. Schliesslich stehen sie auf den zwanzig öffentlichen Feldern der Stadt Bern.

Erschienen in der Berner Zeitung 6. Juli 2016

Der Sommer ist da. Die Leute wagen sich wieder an die frische Luft. Dort wollen sie etwas tun. Zum Beispiel Schach spielen. Die Hochzeit der Gartenschachfelder ist angebrochen. Während andere Städte in dieser Hinsicht eher wenig zu bieten haben, glänzt die Stadt Bern gleich mit zwanzig öffentlichen Strassenschachfeldern (siehe Kasten). Um die meisten kümmern sich Quartiervereine. Sechs davon aber werden von der Stadt selber unterhalten. Das heisst vor allem: 192 schöne Figuren aus gedrechseltem Lindenholz, die hie und da ein Facelift benötigen. Das ist Ulrich Wältis Job. Er sagt: «Für mich sind diese Figuren wie die Geranien und die Blumen in der Stadt. Sie verschönern das Ortsbild.» Eine Figur treibt ihn dabei ganz besonders um.

Die Sache mit dem Drechsler

Wälti ist seit fünf Jahren der Schreinermeister bei Stadtgrün Bern. Sein Hauptmetier sind eigentlich Holzbänke. Rund 2800 solche Sitzgelegenheiten gebe es in der Stadt Bern. Diese pflegt er mit seinen zwei Mitarbeitern – Jahr für Jahr. Die Obhut über die Schachfiguren hat Wälti von seinem Vorgänger geerbt. «Der war Drechsler und machte das eher als Hobby», sagt der Schreinermeister. «Jetzt gibt es aber keinen mehr, der noch Drechsler gelernt hat.» Deshalb hat Wälti die Produktion vor vier Jahren ausgelagert.

Heute werden die Figuren im Blinden- und Behindertenzentrum an der Länggasse gedrechselt und dann an Wälti geliefert. Hier in der Schreinerei in der Elfenau bekommen die Figuren dann eine weisse Grundierung und werden rot-schwarz oder weiss-blau eingefärbt. Und dann kommen sie ins Lager – auf die Ersatzbank sozusagen.

Die Sache mit den Dieben

Neue Figuren braucht es immer wieder. Ein bis zwei komplette Sätze hat Wälti deshalb stets in petto. Denn nicht nur Wind und Wetter setzen den Figuren zu, sondern auch Langfinger.

Vier- bis sechsmal pro Jahr bekommt einer von Wältis Mitarbeitern einen Anruf auf sein Handy. Nummer unbekannt. «Es fehlt eine Figur», sagt die Person am anderen Ende dann meist.

 

«Das kommt immer dann vor, wenn in der Stadt ein Fest war», sagt der junge Mann, dem die Handynummer gehört, der aber lieber anonym bleiben will. «Cupfinal, Buskers – solche Anlässe.»

Meistens betrifft der Anruf das Schachfeld auf dem Bärenplatz – dem wohl beliebtesten der Stadt. Nicht etwa, weil hier am ehesten geklaut würde, sondern weil hier am meisten gespielt wird. Tagein, tagaus versammeln sich Bürolisten, Bauarbeiter, Banker, Politiker und Müssiggänger um die 64 Felder vor dem Café Fédéral und spielen gegeneinander Schach. Hier wird nicht zufällig gespielt, sondern bewusst, ambitiös und hartnäckig.

Eine fehlende Figur kommt da gar nicht infrage. «Irgendwer hat irgendwann die Handynummer herausgefunden», sagt Ulrich Wälti, «seither fungiert sie als eine Art Notfallnummer.» Springer, König und Dame. Keine anderen Figuren werden so oft geklaut wie diese drei. «Aber meistens ist es der Springer», sagt Wälti. «Er ist ja auch eine schöne Figur.»

Die Sache mit dem Esel

Dass dem Schreinermeister gerade der Springer so gut gefällt, hat seinen Grund: Er hat ihn mit entworfen – vor fünf Jahren. «Die alten Figuren hatten zu viele Rundungen, Details, Vertiefungen», erklärt der Schreinermeister. «Da brauchten wir Tage, um sie abzuschleifen. Diese Zeit haben wir nicht.» So verpasste Wälti ihnen ein neues Design. Geometrischer, eckiger, mit Sockel aus Kunststoff. Nur eine Figur wollte dabei nicht so recht. «Vier oder fünf Versionen mussten wir vom Springer anfertigen lassen, bis wir zufrieden waren», sagt Wälti. «Der Hals stimmte einfach nicht. Die Figur sah nicht aus wie ein Pferd. Eher wie ein Esel.»

 

FELDER IM KANTON BERN

Gartenschachfelder sind längst nicht so weit verbreitet, wie man vielleicht denkt.
Es gibt etwa weder in Biel noch in Thun welche. Das sagen zumindest die dortigen Behörden.
In Biel wäre eines geplant gewesen. Nur sagte das Stimmvolk eben Nein zur Neugestaltung vom Neumarktplatz.

In der Stadt Burgdorf gibt es ein einziges Strassenschach, dieses dafür bereits seit den 1980er Jahren.
Es befindet sich im Gyripark im Quartier Ämmebrügg. Der dortige Quartierverein unterhält das Feld.
Regina Bieler ist Vereinspräsidentin und sagt: «Meistens sind es Leute aus dem Quartier, die spielen.
Aber Sie bringen mich auf eine Idee. Wir müssen das Feld unbedingt bekannter machen.»

Auch Interlaken begnügt sich mit nur einem Feld – seit rund zehn Jahren.
Es befindet sich auf dem Marktplatz und wird vom Marktgasse-Leist unterhalten.
Laut dem ehemaligen Präsidenten Peter Hablützel wird das Feld extrem viel genutzt.
«Vor allem von indischen Touristen.»

Veröffentlicht inLokales