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Baggern für eine moderne Kirche

Bild: Andreas Blatter

Die reformierte Kirche ist eine einzige Baustelle: Bis Mitte November wird sie saniert und umgebaut. Heller und moderner soll es in den alten Gemäuern werden – und inspirierender.

Veröffentlich in der Berner Zeitung am 27.06.2015. Zum Online-Artikel

Die Zeit steht still. Zumindest an der Turmuhr der reformierten Kirche in Konolfingen. Die Zeiger haben auf der Zwölf haltgemacht. Und dort werden sie wohl noch lange verharren, längstens bis Mitte November. Dann sollten die Sanierung und der Umbau der Kirche abgeschlossen sein.

«Wir mussten die Uhr anhalten», sagt Sigristin Therese Graf. «Die Bauarbeiten haben Vibrationen verursacht, deshalb ging die Uhr immer falsch.» Auch das stündliche Läuten gebe es vorläufig nicht mehr, so Graf. «Die einen freuts, andere ärgerts.»

Seit langem fällig

Die Sanierung der Kirche war längst überfällig. Seit dem grossen Umbau 1939 war an dem Gebäude aus dem Jahr 1898 jeweils nur das Nötigste gemacht worden. Eine Zustandsanalyse zeigte 2012 auf, dass Arbeiten für rund eine halbe Million Franken anstanden.

Der Kirchgemeinderat entschied sich daraufhin, gleich eine vollständige Sanierung in Angriff zu nehmen. Gleichzeitig sollte die Kirche auch fit für die Zukunft gemacht werden. Beides zusammen für 1,7 Millionen Franken. Das Berner Architekturbüro von Patrick Thurston wurde mit dem Projekt beauftragt, nachdem es einen ausgeschriebenen Wettbewerb gewonnen hatte.

Dürrenmatt und Sterchi

Seit Pfingsten laufen die Arbeiten. Inzwischen sind das Gebäude und der Turm eingerüstet. Im Innern erinnern nur noch die bunten Fenster an eine Kirche. Alles andere ist eine einzige Baustelle. Die Böden sind aufgerissen. Die Wand mit den Rundbögen zwischen dem Saal und dem Kirchenschiff ist bereits weg. Bagger und Gerüste stehen herum.

Hell, praktisch, behaglich und zukunftsfähig: Dies waren die Wünsche der Kirchgemeinde für die neue Kirche. Architekt Thurston erfüllt sie. Damit es in den alten Gemäuern heller wird, hat er sich etwas Besonderes ausgedacht: Zwischen dem Kirchenschiff und dem Saal werden künftig vier Schiebewände aus Milchglas mit vertikalen Sprossen stehen. So gelangt das Licht der Fenster im Saal auch in das Kirchenschiff.

Auf dem Glas werden grosse Buchstaben eingraviert sein: Wortfetzen aus biblischen Texten, zusammengestellt von Schriftsteller Beat Sterchi aus Bern. «Die Texte an den Wänden sollen inspirieren und nicht zuletzt Friedrich Dürrenmatt gedenken. Schliesslich ist der Schriftsteller hier um die Ecke aufgewachsen», erklärt Thurston.

Weg von der Kanzel

Über die Zukunft von Kirchen sagt der Architekt: «Die Kirche wird immer mehr zum Begegnungsort, wo sich die Menschen auch einbringen wollen. Es muss möglich sein, einen Dialog zu führen. Die Menschen sollen sich austauschen können.»

Gesagt, getan. Künftig werden sich die Kirchgänger in Konolfingen praktisch gegenüber sitzen. Neue, moderne Bankreihen werden rechtwinklig zueinander stehen, sodass die Besucher Blickkontakt haben. Der Platz des Pfarrers wird nicht mehr auf der Kanzel sein, sondern an einem Pult zwischen den Bankreihen. «Auf Augenhöhe mit der Gemeinde», sagt Thurston.

Was das Praktische angeht, wird die Kirche multifunktional. So lassen sich die Bänke wie auch die Wand aus Milchglas einfach wegschieben. Somit kann die Kirche je nach Grösse des jeweiligen Anlasses umgestaltet werden.

Auch im November wird die Zeit noch ein wenig stillstehen. Dafür sorgt der Denkmalschutz: Einige der alten Kirchenbänke werden restauriert und wieder eingesetzt.

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