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Das nutzloseste Kleidungsstück der Welt

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Die Weisbrod-Zürrer AG aus Hausen am Albis ist einer der letzten Firmen, die Krawatten noch in der Schweiz nähen. Bilder: Alexander Wagner

Der Ursprung der Krawatte ist der Schal, und den gibt es schon eine halbe Ewigkeit. Die hohe Zeit der Krawatte ist zwar passé, doch totzukriegen ist sie nicht. Am 18. Oktober ist Tag der Krawatte. Allerlei über ein nutzloses Kleidungstück.

Die Krawatte. Eines der nutzlosesten Kleidungstücke überhaupt, ein oft unbeliebtes und noch dazu unbequemes. Und doch hält sich der Schlips als modisches Accessoire seit einer halben Ewigkeit. Nein, die Krawatte ist nicht totzukriegen. Am 18. Oktober ist Welttag der Krawatte. Der wird besonders in Kroatien mit grossen Werbeaktionen gefeiert. Der Grund: Kroatische Soldaten waren es, die erstmals etwas Ähnliches wie eine Krawatte als Accessoire zu ihren Uniformen trugen. Mehr darüber unter: Die Geschichte der Krawatte

Eines ist klar: der Schlips hat nicht mehr die Bedeutung wie früher. Nicht einmal mehr alle Regierungschefs tragen heute noch einen. Etwa der griechische Ministerpräsident Alexis Tsipras verzichtet meist darauf. Im hiesigen Ständerat ist sie zwar noch Pflicht, im Nationalrat drückt man neu gerade im Sommer schon mal ein Auge zu. Und auch in der Schweizer Wirtschaft muss es nicht immer ein Schlips sein. In der Zürcher Handelskammer würden gut zwanzig Prozent der Anwesenden zwar immer noch konservative Anzüge tragen, aber die Krawatte zu Hause lassen. Das sagt Oliver Weisbrod, CEO der Weisbrod-Zürrer AG aus Hausen am Albis, einer der wenigen Firmen, die Krawatten noch in der Schweiz nähen.

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Oliver Weisbrod, CEO der Weisbrod-Zürrer AG

Oliver Weisbrod führt das Unternehmen bereits in der sechsten Generation. Die Krawatte macht gut fünf Prozent des Umsatzes aus. Den Rest erwirtschaftet Weisbrod-Zürrer mit Stoffhandel, eigenem Stoffladen und Liegenschaften. War der Schlips jahrelang ein wichtiges Standbein des Unternehmens, werden heute nur noch gut 10 000 Stück produziert. Im Detailhandel sind die Weisbrod-Krawatten nicht mehr erhältlich – nur im Direktverkauf im Onlineshop und in den eigenen Läden. Zu teuer sei man im Vergleich zu jenen aus China. Heute beliefert Weisbrod-Zürrer vor allem noch Grossbanken, Airlines, Versicherungsgesellschaften. «Überall dort, wo Seriosität ausgedrückt werden soll, kommt die Krawatte noch zum Zug», sagt Oliver Weisbrod. Auch er selber trage sie fast nur noch zu geschäftlichen Anlässen.

Keine Revolutionen

Das soll aber nicht heissen, dass ihn das traditionsreiche Kleidungstück nicht interessieren würde. Für diese Zeitung hat er die sechs gängigsten Knoten gebunden. Beim Besuch im Lernwerk, einem Arbeitsintegrationsprojekt in Turgi, wo die Krawatten genäht werden, erzählt er allerlei über das unliebsame Kleidungsstück. Etwa, dass seit der Bankenkrise 2008 die Verkäufe zurückgegangen sind, weil die Krawatten mit gierigen Bankern in Zusammenhang gebracht werden. Oder, dass sowohl eine Renaissance mit neuen Designs gescheitert ist und auch Revolutionen bisher ausblieben. «Es ist schwer, ein konservatives Produkt neu zu erfinden», erklärt Weisbrod. Krawatten mit Clipper haben sich so wenig durchgesetzt wie moderne Schnitte. «Viele Jungunternehmer sind auf mich zugekommen und wollten etwas Neues versuchen», sagt Weisbrod. «Das hat aber alles nicht geklappt.»

Die Psychologie des Schlipses

Vorbei sind die Zeiten, als in Zeitungsberichten über Politiker noch die Farbe der Krawatte erwähnt wurde, um aufzuzeigen, welche Strategie der jeweilige Politiker wohl im Sinn hatte. «Die ganze Farbenpsychologie der Krawatte ist heute nicht mehr wichtig», sagt Weisbrod. «Aber früher, als alle die gleichen dunkelblauen, schwarzen oder grauen Anzüge trugen, war die Farbe der Krawatte wichtig. Rot galt als kompromisslos, blau als kompromissbereit.» Auch die Muster auf der Krawatte hatten ihre Bedeutung. Punkte sagten Genauigkeit aus, karierte Schlipse Fortschrittlichkeit, Streifen standen für Gradlinigkeit. Apropos Streifen. In Europa gehen die Streifen von links unten nach rechts oben. In den USA aber ist es gerade umgekehrt. «Ich glaube, die Amerikaner wollten sich auch bei der Krawatte von der alten Welt emanzipieren.»

Ja, die hohe Zeit der Krawatte ist vorüber. Politiker können sich heute anders profilieren, und jene Jahre, als das Ausziehen einer Krawatte noch als erotischer Akt wahrgenommen wurde, wie das Anfang des 20. Jahrhunderts eine Engländerin beschrieb, liegen auch weit hinter uns. «Nein, die Krawatte hat keine Funktion», sagt Weisbrod zum Schluss. «Aber immer noch: Überall dort, wo es wichtig ist, wird sie getragen.»

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Die Krawattenknoten und ihre Geschichten (inklusive Anleitung) 

Four in Hands
Prince Albert
Doppelter Windsor
Champ
Big Ben
Onassis

 

Four in Hands

Dies ist der älteste Knoten der modernen Krawattengeschichte und der bekannteste. Wir nennen ihn «einfacher Knoten». Das englische «Four in Hand» bedeutet «vierspännig» und verweist auf einen englischen Klub mit Anhängern von Pferderennen. Man vermutet, dass Klubmitglieder, meist an Mode interessierte Dandys, auf die Idee kamen, für ihre Krawatten den gleichen Knoten zu verwenden, der für die Zügel des Gespanns genutzt wurde. Der Knoten war auch bei Seeleuten beliebt und wurde zum provisorischen Vertäuen verwendet. Deshalb heisst er in Frankreich Régate. Im Kasten und auf unsere Website gibt es eine Anleitung, wie man den Klassiker bindet.

Prince Albert

Dieser Knoten ist auch als «doppelter Einfacher» bekannt, da das breite Ende zweimal um das schmalere geschlungen wird. Wie es der Name schon sagt, erfand man diesen Knoten zur Zeit Prinz Alberts von England. Der doppelte Einfache sollte vor allem den schmalen Krawatten aus leichtem Stoff einen kräftigeren Knoten geben. Er wirkt voluminöser, weil er sich durch die doppelte Windung etwas in die Länge entwickelt. Er passt daher gut zu Hemden mit länglichem Kragen. Auf unserer Website gibt es eine Anleitung, wie man den royalen Knoten bindet. mbu

Doppelter Windsor

Die Vaterschaft dieses Knotens wird König Edward VIII. zugeschrieben, der nach seiner Abdankung 1936 von seinem jüngeren Bruder zum Herzog von Windsor ernannt wurde. Dass Edward der Erfinder dieses Knotens von «vollendeter» Würde sein soll, ist jedoch umstritten, da Bilder existieren, die seinen Vater, George V., zeigen, auf denen dieser mit einem konisch geformten Knoten zu sehen ist, der dem heutigen Windsor sehr ähnlich sieht. Wie dem auch sei. Dieser Knoten mit seinen Varianten wie dem doppelten, dem einfachen und dem halben Windsor erfreut sich bis heute grosser Beliebtheit. Auf unserer Website sehen sie, wie man den doppelten Windsor bindet.

Champ

Der Schal ist der Vorläufer der Krawatte. Vor rund dreissig Jahren wählten Männer öfters einen Rollkragenpullover mit Schal anstelle von Krawatte und Hemd. Doch dies blieb nur eine Modeerscheinung. Eine Variante, einen Schal zu binden, nennt sich Champ. Dabei werden beide Enden des Schals von der mit der Schalmitte geformten Schlinge gehalten. Für Oliver Weisbrod gibt es keinen Grund, nicht auch eine Krawatte in diesem Stil zu binden. Ein sehr einfacher, schneller und topmoderner Krawattenknoten. Auf unsere Website gibt es eine Anleitung für die «einfache Schlaufe».

Und zwei weitere Knoten und ihre Geschichte:

Big Ben

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Dieser Knoten zeigt am ehesten auf, woher die Krawatte eigentlich kommt. Ihre Vorgänger waren Schleifen und Ascots, die sogenannten Krawattenschals mit viel Stoff, die voluminös um den Hals getragen wurden. So um 1850 ging die Mode in Richtung der heutigen modernen Schlipse, in Richtung Langbinder. Anfänglich glaubte man aber, auch die Krawatte müsse den gleichen breiten Raum unter dem Kinn einnehmen wie die Ascots. Zudem war der Stoff noch viel schwerer und nicht so geschnitten wie heute. Big Ben – eines der ersten Exemplare der nouvelle vague jener Zeit.

Onassis

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Die Erfindung dieses Knotens wird häufig dem griechischen Reedereikönig Aristoteles Onassis zugeschrieben. Ob wirklich er es war, der ihn erfunden hat, ist nicht geklärt. Klar ist jedoch, dass er ihn in New Yorker Bankkreisen und in der mondänen Welt von St. Moritz und Montecarlo berühmt gemacht hat. Seine Entstehungszeit liegt daher wohl in den 1950-er-Jahren. Bei diesem speziellen Knoten bekommt die Krawatte durch das Überwerfen des vorderen Teils über den Knoten ein sehr wuchtiges Aussehen. Der Onassis-Knoten wurde übrigens auch schon am verstorbenen Libyschen Diktator Muammar al-Ghadhafi gesehen.

 

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Die Geschichte der Krawatte

Vom Tuch zum Schal zur Krawatte

In der Geschichte der Krawatte ist eigentlich nur eines klar: Der Mensch hatte schon immer das Bedürfnis, etwas um den Hals zu tragen. Seien es Amulette, einfache Schnüre, Lederstreifen, Ketten oder Tücher.

Drei Jahre ist sie schon her, die berühmte Ausstellung im Bernischen Historischen Museum: «Qin – Der unsterbliche Kaiser und seine Terrakottakrieger.» Die Ausstellung ermöglichte einen einzigartigen Blick in die Zivilisationsgeschichte des ersten chinesischen Kaiserreichs. Und noch etwas anderes zeigten die zehn Tonfiguren aus den Jahren 259 bis 210 vor Christus: die ersten Krawatten der Weltgeschichte. Natürlich sind das nicht Schlipse, wie wir sie heute kennen. Sondern Tücher, die zu Schals gebunden um den Hals getragen wurden. Gemäss dem Buch «Fliegen und Krawatten» von Davide Mosconi und Riccardo Villrosa aus dem Jahr 1985 gelten diese Schals als Vorläufer der Krawatte. Anders als der heutige Schlips hatten diese Schals damals aber einen rein praktischen Zweck, nämlich den Schutz vor Kälte.

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Richard Nixon mit Dicky-Krawatte.

Dann landet der Schal in der Versenkung, bis er als Schürschutz vom Brustpanzer bei den Römern wieder auftaucht. Über die Jahrhunderte kommen und gehen solche Tücher, haben aber immer einen Zweck. Etwa im Buddhismus und anderen fernöstlichen Religionen als Statussymbole. Ähnliche Formen des Schals, die schon am ehesten an eine Krawatte erinnern, sind etwa der jüdische Gebetsschal Tallith, der wohl bereits um 70 nach Christus aufkommt, oder die Stola als Teil des priesterlichen Gewands.

Wie sich der Schal weg von Religion und Militär und hin zum Kleidungstück entwickelt, und wer wirklich als der Erfinder gelten könnte, ist nicht restlos geklärt. Es gibt mehrere Legenden. Die schönste ist diese hier: In der ersten Hälfte des 17. Jahrhundert, während des Dreissigjähigen Krieges, tritt der Schal zum ersten Mal als eine Art Accessoire in Erscheinung. Bei einer Parade am Hof von Luis XIV am Schloss Versailles soll ein 6000 Mann starkes Heer kroatischer Söldner farbige Tücher um den Hals getragen haben.

Es heisst, die Ehefrauen der Söldner hätten ihren Männern, bevor sie in den Krieg zogen, diese bunten Tücher um den Hals gebunden, damit sich die Männer während der langen Abwesenheit an sie erinnerten.

Zum ersten mal hatte ein Schal nicht etwas ausschliesslich Zweckmässiges, sondern war ein rein schmückendes Element einer Rüstung. Das gefiel dem französischen König. Ab dann liess er sich edle Halstücher aus Seide und Spitze anfertigen. Die feine Gesellschaft jener Zeit machte es ihm nach. So viel zur Legende. Sicher ist heute nur, dass der Schal, der später zur Krawatte wird, vor allem mit dem Aufkommen des Kragens verknüpft ist.

Die edlen voluminösen Krawattenschals, sogenannte Ascots, ergänzen die extravaganten gestärkten Stehkrägen. Dann bewegt sich die Mode langsam, aber sicher weg vom Prunk. Um 1850 wird die Garderobe schlichter, weiche Umlegekragen halten Einzug, die Schals werden schmaler, Westen sind tiefer ausgeschnitten. Mit der Industrialisierung gibt es vermehrt Büroangestellte, die mit dem Tragen der Krawatte zeigen: Ich bin kein gewöhnlicher Arbeiter.

Danach gibt es kein Halten mehr. Nie mehr werden so viele Krawatten getragen, wie im 20. Jahrhundert. Und in ebendieser Zeit entwickeln sich auch die verschiedenen Krawattenknoten. Über 50 sind im Buch «Fliegen und Krawatten» vorgestellt. Je schlichter und uniformer die Kleidung wird, desto wichtiger werden Form und Farbe der Krawatte. Die Dicky etwa ist eine nüchterne Version der Kippers Tie, jener breiten und bunten Krawatte aus dem England der 1960er-Jahre. Von Richard Nixon zum ersten Mal getragen, wird sie zum Schlips der US-Präsidenten. Nach Nixon tragen sie auch Gerald Ford, Jimmy Carter und Ronald Reagan.

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