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Die hohe Zeit der Extrazüge

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Der Blick über sein Reich.
Seit 1974 arbeitet Hans Häfliger bei den SBB.
Für seinen Job muss er den Veranstaltungskalender
der ganzen Schweiz im Kopf haben.
Bild: Flurin Bertschinger

1200 Extrazüge müssen die SBB für diesen Eventsommer bereitstellen. So viele wie noch nie. Hans Häfliger ist der Mann, der das organisieren muss.

Die Hochzeit der Extrazüge (pdf)

Wenn irgendwo etwas Grosses los ist, muss Hans Häfliger das wissen. Sein Job bei den SBB verlangt das. Häfliger und sein rund 30-köpfiges Team kümmern sich kurz gesagt um die Ausnahmen auf dem SBB-Netz. Also um jene Ereignisse, die dem üblichen Bahnbetrieb in die Quere kommen könnten. Zum Beispiel: Beyoncés Konzert im Letzigrund gestern Abend, das Bernisch-Kantonale Schwingfest in Meiringen an diesem Wochenende, das Filmfestival in Locarno Anfang, die Streetparade Mitte, das «Eidgenössische» in Estavayer Ende August oder die Energy-Air-Veranstaltung im Stade de Suisse in Bern.

40 000 Menschen, die irgendwie anreisen und dann auch wieder nach Hause wollen.

Letztere findet am 3. September statt. Der Auftrag kam vor ein paar Tagen rein. «Das ist enorm knapp», sagt Häfliger. Normalerweise sind drei bis vier Monate Planung nötig. 40 000 Menschen werden an das Open-Air-Festival des Privatradios kommen. 40 000 Menschen, die irgendwie anreisen und dann auch wieder nach Hause wollen.

80 Events im Sommer

Häfliger steht auf dem Dach des SBB-Gebäudes an der Langstrasse in Zürich und lässt den Blick über das Netz aus Gleisen schweifen. «Aha. Familienwagen, aber kein Speisewagen. Der fährt nach Luzern», sagt er. Jeden Zug, der ein- oder ausfährt, weiss Häfliger zu kommentieren. Dann zeigt er auf ein Abstellgleis. Dort stehen Waggons mit M-Budget-Kleber an den Scheiben. «Die haben wir fürs Frauenfeld-Festival gebraucht», sagt er.

Für jeden Event muss Hans Häfliger mehr als ein halbes Dutzend Abteilungen anfragen und koordinieren.

170 000 Leute gingen letztes Wochenende ans Festival Frauenfeld. Das ist nur ein Event von rund 80, die von Mai bis August für die SBB relevant sind. 1200 Extrazüge müssen sie dafür aufbieten. «Rekord», heisst es in einer Medienmitteilung. Damit das funktioniert, muss sehr vieles zusammenpassen. Für jeden Event muss Hans Häfliger mehr als ein halbes Dutzend Abteilungen anfragen und koordinieren. Es braucht etwa zusätzliche Lokführer, Zugpersonal, Reinigungsequipen, aber eben auch freie Züge und leere Waggons.

Trassees – ein rares Gut

Für die 40 000 Leute, die im September ans Energy-Air-Festival in Bern wollen, ist der Auftrag bereits in Arbeit. Das Dossier wird ein Dutzend Seiten lang sein und alles regeln, was nötig ist. Für die Anreise am Nachmittag müssen weitere Züge herangeschafft werden. Für die Stunden nach dem Event braucht es Extrabusse. Im Dossier wird auch geschrieben stehen, wie die Reisenden informiert werden sollen, wo welche Monitore was anzeigen, und selbst die geplanten Durchsagen im Zug werden vorformuliert.

Und wenn das alles einmal organisiert ist, fangen die grössten Herausforderungen erst an. Das SBB-Netz besteht aus rund 3000 Streckenkilometern. Und die werden nicht nur für Personentransporte genutzt. Neben 440 Millionen Passagieren befördern die Schweizerischen Bundesbahnen auch rund 50 Millionen Tonnen Güter pro Jahr. «Ja», sagt Häfliger, «von der Ressource Trassee wollen alle etwas haben.» Das geht nicht ohne Verhandlungen, und Überschneidungen sind hin und wieder unvermeidbar.

Dienstags, donnerstags

Es sind aber nicht nur Events, die Häfliger und seinem Team die Schweissperlen auf die Stirn treiben. Gruppenreisen gehören auch dazu. Meldet sich eine Gruppe am Schalter an, und der Zug ist voraussichtlich bereits arg belegt, landet die Anfrage bei Häfliger. Dann muss er eine Lösung finden. Eine passende Abfahrtszeit, einen Extrawaggon, je nach Fall gar einen Extrazug. Pro Jahr befördern die SBB 120 000 Gruppen. Das sind etwa 3 Millionen Menschen.

Ostern, Auffahrt, Pfingsten, Sportevents und Festivals. Das sind die Wochenenden, die heisslaufen. Und nach Pfingsten kommen noch Dienstage und Donnerstage dazu – wegen der Schulreisen. «Montag und Freitag sind zu nah am Wochenende, und mittwochs haben die Kinder meist etwas anderes vor», sagt Häfliger.

«Von der Ressource Trassee wollen alle etwas haben.»Hans Häfliger, Bereichsleiter Angebotsplanung

Da bleiben nur Dienstag und Donnerstag. Und da muss Häfliger jonglieren. «Lehrer mögen keine Wölkchen», sagt er und meint damit: Drei Wölkchen vor der Sonne im Wetterbericht, und die Schulreise wird kurzfristig verschoben.

Ein Tag wie kein anderer

Was das angeht, wird sich Häfliger noch lange an den 23. Juni 2016 erinnern. 3238 Schulreisen waren für diesen Tag angesagt. Das sind 1000 mehr als je zuvor an einem einzelnen Tag. Der Grund: Wochenlanger Regen und dann plötzlicher Sonnenschein. 6500 zusätzliche Sitzplätze stellte Häfligers Team zur Verfügung. Und doch mussten viele stehen. «So etwas habe ich in all den Jahren noch nie erlebt», sagt er.

Wenn Häfliger von Jahren spricht, meint er auch Jahre. Seit 1974 arbeitet er bei den Schweizerischen Bundesbahnen. «Mit Abweichungen», sagt er. Wanderund Lehrjahre nennt er die Brüche in seinem Lebenslauf, der sonst ausschliesslich von Zügen und Bahnhöfen geprägt ist.

Ein Auto hat Hans Häfliger nicht. Nur eine Mobility-Karte und ein Generalabonnement.

Ursprünglich wollte Häfliger Lokführer werden. «Der Berufsberater aber sagte: Das ist nichts für Sie. Da sind Sie zu oft alleine.» Dann lernte er Betriebsdisponent. Heute ist er froh darüber. «Als Lokführer hast du viel Verantwortung, aber wenig Freiheiten. Zumindest die Strecke, die ist ja bekanntlich vorgegeben.» Bereichsleiter bei der Angebotsplanung ist er seit 2001.

«Nein, eine Modelleisenbahn habe ich nicht zu Hause», sagt er zum Schluss. Aber Züge mag er trotzdem. Ein Auto hat er nicht. Nur eine Mobility-Karte und ein Generalabonnement.

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