Zum Inhalt

Kita: Die Gemeinde scheut das Risiko

Die erste Kita im mittleren Emmental könnte hier entstehen.
Die erste Kita im mittleren Emmental könnte hier entstehen. Bild: Thomas Peter

Neben Wohnungen und Ladenfläche soll auf der Gerbematte in Rüegsauschachen auch die erste Kindertagesstätte zwischen Burgdorf und Langnau entstehen. Nur die finanzielle Verantwortung will noch niemand übernehmen.

Erschienen in der Berner Zeitung am 31.03.2016. Zum Online-Artikel.

Auf der Gerbematte im Rüeg­­s­auschacher Dorfzentrum wird gebaut – und wie: 62 familien- und altersgerechte Wohnungen, Ladengeschäfte, eine Arztpraxis. Und: die erste und einzige Kindertagesstätte im mittleren Emmental – wahrscheinlich. Denn, Peter Blaser, Bauherr und Seniorchef von Blaser-Swisslube, und sein Architekt Jürg Vogel sehen sich mit unerwartetem Widerstand konfrontiert. Und der kommt ausgerechnet aus Rüegsau. Gemeindepräsident Fritz Rüfenacht sagt es so: «Eine Kindertagesstätte gehört nicht zu den Kernaufgaben der Gemeinde.»

Enttäuschter Bauherr

Was Rüfenacht damit meint, ist Folgendes: Eine öffentliche Kita, wie sie in Rüegsau geplant ist, muss eine sogenannte Sitzgemeinde aufweisen. Diese übernimmt die finanzielle Verantwortung für die Kindertagesstätte und rechnet mit dem Kanton die subventionierten Leistungen ab. Nur zeigen Erfahrungen andernorts, dass Kindertagesstätten am Anfang ein jährliches Defizit von mehreren 10’000 Franken erwirtschaften und erst etwa ab dem dritten Jahr rentieren.

Normalerweise übernimmt die Gemeinde, wo sich die Kita befindet, die Federführung. Für Rüegsau ist dieses Geschäft aber zu riskant. Gemeindepräsident Rüfenacht: «Wir wollen nicht die Verantwortung für etwas übernehmen müssen, wovon wir nicht wissen, ob es hinhaut.»

Das kommt für die Verantwortlichen der Gerbematte-Überbauung überraschend – und verkompliziert den Bauverlauf. «Ohne Sitzgemeinde können wir keine Kita einrichten», sagt der Architekt Jürg Vogel und fügt an: «So sind uns die Hände gebunden.» Und Regina Blaser, Ehefrau des Bauherrn und Kommunikationsverantwortliche, ist enttäuscht: «Ich finde es schade, dass die Kita im Gemeinderat derart abgeschmettert wurde.»

Nur weil Rüegsau nicht will, heisst das nicht, dass die Kita nicht kommt. Denn es gibt Alternativen. Eine davon wäre Lützelflüh. Das Gotthelfdorf ist Sitzgemeinde für den Tageselternverein Mittleres Emmental TEV. Der TEV bietet, wie es der Name schon sagt, externe Tagesbetreuungen für Kinder an. Der Verein zeigt Interesse an der Kita. Das sagt Heinz Riesen, Präsident des Vereins. Regina Blaser bestätigt, dass sie sich eine Zusammenarbeit vorstellen könnten.

Die Chance nicht verpassen

Dem TEV sind neben Lützelflüh und Rüegsau auch Hasle, Sumiswald, Trachselwald und Affoltern angeschlossen. Würde der Verein die Kita auf der Gerbematte führen, könnte theoretisch auch eine dieser Gemeinden die finanzielle Verantwortung übernehmen. Wie sich zeigt, hält sich das Interesse aber in Grenzen. Laut TEV-Präsident Heinz Riesen wollte keine das Risiko eingehen. «Wenn Rüegsau nicht will, wieso sollten wir», habe es getönt.

Nur Lützelflüh will die Chance nicht ungenutzt lassen, die einzige Kita zwischen Langnau und Burgdorf zu realisieren. Aber mit geringerem Risiko, wie Gemeindepräsident Andreas Meister sagt. Derzeit werde abgeklärt, ob die umliegenden Gemeinden die Kosten gemeinsam tragen könnten. «In den nächsten Wochen suchen wir das Gespräch», sagt er. TEV-Präsident Riesen will derzeit nicht mehr dazu sagen. Nur, dass er bis Mitte April wissen möchte, was gehe. Schliesslich brauche es dann eine zeitige Planung, falls der Tageselternverein die Kita wirklich übernehme.

Und wenn sich die Gemeinden nicht einigen können, sieht Re­gina Blaser für die Gerbematte noch andere Optionen. Es sei auch möglich, auf einen privaten Anbieter auszuweichen, sagt sie. Wie etwa die Organisation Leolea, die unter anderem in Alchenflüh und Hindelbank Kindertagesstätten betreibt.

Veröffentlicht inLokales