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Mit der Schule geht ein Stück Gysenstein verloren

 Bild: Susanne Keller

Künftig solllen in der Gemeinde Konolfingen mehrere Schulhäuser geschlossen werden. Darunter auch jenes in Gysenstein. Dort ist das Gebäude aber viel mehr als nur eine Schule. Zwei Gysensteiner kämpfen für ihr Dorf.

Veröffentlicht in der Berner Zeitung am 18.06.2015. Zum Online-Artikel.

«Vergesst uns nicht», sagte der Gysensteiner Jonas Rohrer an der letzten Gemeindeversammlung in Konolfingen. Gerade eben hatte Gemeindepräsident Daniel Hodel von der Schulraumplanung und möglichen Schulhausschliessungen gesprochen.

Heute gibt es in der Gemeinde Konolfingen noch neun Schulstandorte, die vier Kindergärten mit eingerechnet. Laut Daniel Hodel sollen es in naher Zukunft noch vier sein. Derzeit läuft eine Machbarkeitsstudie dazu. Und ein Schulhaus steht ganz oben auf der Abschussliste – jenes in Gysenstein.

Kein Laden und keine Beiz

Jonas Rohrers Bitte, Gysenstein nicht zu vergessen, kommt nicht von ungefähr. Denn es sieht danach aus, als würde das öffentliche Leben nach und nach aus dem Bauerndorf verschwinden. Dabei ist Gysenstein der Ursprung der Gemeinde Konolfingen. Vor gut 150 Jahren war Gysenstein eine eigenständige Gemeinde mit mehr als 1300 Einwohnern (siehe Înfokasten). Heute gibt es in Gysenstein keinen Laden und auch kein Restaurant mehr. Und von der ehemaligen Poststelle ist nur noch die Postleitzahl geblieben. Das Schulhaus ist somit der letzte öffentliche Treffpunkt im Dorf.

Jonas Rohrer ist Präsident des Männerchors Gysenstein. Er und Fritz Joss, Präsident des Schulbezirks Gysenstein, haben sich zusammen getan, um sich für das Schulhaus einzusetzen. In erster Linie wollen die beiden Ur-Gysensteiner verhindern, dass das Gebäude verkauft wird. Dass der Schulstandort geschlossen werden soll, können indes beide nachvollziehen. Schliesslich gehen heute nur noch 15 Kinder hier in den Unterricht.

Wichtiges Vereinslokal

So geht es Rohrer und Joss letztlich darum, das Gebäude für die Bevölkerung zu erhalten. Fritz Joss hat bereits im Herbst einen Brief an den Gemeinderat geschrieben und darin aufgezeigt, wie wichtig das Schulhaus für die Gysensteiner ist. Denn das fünfzig Jahre alte Gebäude dient beispielsweise als Vereinslokal für den Frauenverein und für den Männerchor, zudem wird der Singsaal für Theateraufführungen genutzt.

Überhaupt fungiert das Schulhaus als Zentrum des öffentlichen Lebens im Dorf. Auch findet dort jedes Jahr die sogenannte Sichlete statt − eine Art Erntedankfest. Die Tagesschule für die ganze Gemeinde befindet sich heute noch im Schulhaus Gysenstein. Ein idealer Standort, findet Fritz Joss. Denn: «Hier haben die Kinder Platz und können sich austoben.»

Im Gespräch bleiben

Noch diesen Monat wird der Schulbezirk im Auftrag von Rohrer und Joss im Dorf eine Umfrage starten. Alle Gysensteiner sollen ihre Ideen für die künftige Nutzung des Gebäudes einbringen können, so Joss. Die Aktion soll aber noch eine zweite Wirkung entfalten. So soll Gysenstein Teil der Debatte bleiben und eben nicht vergessen gehen. Fritz Joss kritisiert etwa, dass schon heute in der Konolfinger Schulkommission niemand aus Gysenstein vertreten ist. Dazu kommt für ihn der finanzielle Aspekt. Er befürchtet, dass das Geld für mögliche Ausbauten der anderen Schulhäuser einfach aus dem Verkauf von jenem in Gysenstein kommen könnte.

Je stiller es um Gysenstein wird, desto uninteressanter wird es für mögliche Zuzüger. Ein Beispiel nennt Jonas Rohrer: «Kürzlich waren fünf neue Häuser geplant, nur Käufer sind keine gefunden worden». Für ihn ist klar: «Es geht darum, dass das Dorf attraktiv bleibt. Geht das Schulhaus, verlieren wir ein weiteres Stück Dorfseele.»

 

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