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Portugals pochendes Herz

Martin Burkhalter

Ein Roadtrip durch das ursprünglichste Portugal überhaupt ist auch eine Suche nach Büchern und Geschichten – geschriebenen, gebauten und wiedergefundenen.

Portugals pochendes Herz (pdf)

Portugal ist der älteste Nationalstaat von Europa. Und die Region Centro ist die Wiege dieses Landes, das alle Höhen und Tiefen durchgemacht hat. In Coimbra, einer Studentenstadt mit einer der schönsten Bibliotheken der Welt, hat alles angefangen. Apropos Bibliotheken. Niedergeschriebenes, Bücher und Literatur gehören zum Centro wie der Portwein zu Porto. Apropos Porto: Eine Reise durch das Centro beginnt man am besten dort – mit Flug ab Zürich mit der portugiesischen Airline TAP für rund 100 Franken.

Für Kurzinformationen zu den einzelnen Stationen auf Symbol klicken.

Porto
Castelo Rodrigo
Coimbra
Tomar
Óbidos
Tipps & Infos


Porto

Porto einen Stempel aufdrücken zu wollen, ist sinnlos. Weil Porto ist anders. Die Stadt liegt am Atlantik. Gleichzeitig aber auch am Fluss Douro, wo früher der Portwein aus dem Dourotal hergeschifft wurde.

Porto hat verwinkelte Gässchen und dieselben Keramikkacheln an den Hauswänden wie Lissabon, Porto sieht mal aus wie Barcelona, mal wie Paris, mal wieder ganz anders. Porto hat drei Häfen, sechs Brücken, unzählige Kirchen. Porto hat Grossstadtflair und Fischerdorfcharakter, Porto ist anders.

Und: Porto hat eine der schönsten Buchläden der Welt: die Livraria Lello et Irmão an der Rua des Carmelitas 144. Hiesige nennen die 1906 eröffnete Buchhandlung unbescheiden die «Kathedrale der Bücher». Und tatsächlich, das Jugendstilgebäude mit seiner neugotischen Fassade, mit der gewundenen Treppe aus Kastanienholz im Innern, dem Stuck aus Brasilholz und den bemalten Glasfenstern, hat etwas von einem sakralen Bau.

Impressionen aus Porto

Nein, der Lello ist viel mehr als ein einfacher Bücherladen. Den sollte man sich nicht entgehen lassen. Eigentlich. Denn leider ist es wohl so, dass J. K. Rowling sich hier für ihre Harry-Potter-Romane hat inspirieren lassen. Und seit auch die englische Fluggesellschaft Ryan Air nach Porto fliegt, kann sich der Laden vor Besuchern nicht mehr retten. Eduardo Lello, Nachfahre des Gründers José Pinto de Sousa Lello, sagt es so: «Vor fünf Jahren waren wir einfach ein schöner Buchladen. Heute kommen 3000 Besucher pro Tag.»

 Martin Burkhalter

 


Castelo Rodrigo

Wem bei solchen Touristenzahlen der Kopf zu drehen beginnt, für den ist es Zeit, das turbulente Stadtleben hinter sich zu lassen. Am besten mit einem Mietauto. (siehe unten).

Also dann los. Mit dem Auto raus aus dem urbanen Portugal in Richtung Hinterland, ins Dourotal, der alten Portwein-Route entlang, vorbei an rauen, kargen Landschaften, an Weinbergen, weiter bis fast an die spanische Grenze. Dort wartet Castelo Rodrigo, eines von zwölf historischen Dörfern Portugals, die seit den 1990er-Jahren als besonders schützenswert gelten. Hier kann man dann runterfahren, entspannen, wandern, in die Ferne bis nach Spanien blicken oder durchs Städtchen spazieren.

Impressionen aus Castelo Rodrigo

Auch in Castelo Rodrigo ist ein Bibliotheksbesuch empfehlenswert. Aber einer der ganz besonderen Art. Übernachtet man etwa im Guesthouse Cisterna, gehört ein nächtlicher Ausflug mit dazu.Lässt man sich darauf ein, entführt einem die herzliche Gastgeberin Ana Berliner für ein paar Stunden in ein Land vor unserer Zeit: an die Uferhänge des Flusses Coâ. Hier wurden Ende der 1980er-Jahre Tausende von sogenannten Petroglyphen entdeckt. Felsgravuren, die gemäss Schätzungen bis zu 35 000 Jahre alt sind. Ana erklärt mit sachkundigem Wissen und Begeisterung, wie die Bilder entstanden sind und wozu sie dienten. Wieso in der Nacht? Das bleibt ein Geheimnis.

35’000 Jahre alte Felsgravuren. Erkennen Sie die Tiere?

 

Martin Burkhalter

 


Coimbra

Nach diesen Stunden im Paläolithikum gehts zurück in die Zukunft, 200 Kilometer in Richtung einer weiteren Bibliothek: nach Coimbra – dem Zentrum der Geschichte Portugals. Das unabhängige Königreich Portugal wurde 1139 ausgerufen. König Alfons I war zwar in Guimarães geboren, siedelte aber bereits 1143 nach Coimbra über und machte die Stadt zum Regierungssitz. Erst 1256 wurde dann Lissabon zur Hauptstadt.

 Nach langem Hin und Her durfte Coimbra dafür die Universität behalten. Sie wurde 1290 durch König Dionysius gegründet und ist heute die älteste und wichtigste des Landes. Seither prägt das monumentale Bauwerk das Stadtbild.

Impressionen aus Coimbra

Neben den zahlreichen Universitätsgebäuden gehört aber vor allem die Biblioteca Joanina zu den eindrücklichsten. Sie wurde von König Johann V. in Auftrag gegeben und 1728 fertiggestellt und gilt als Meisterwerk des Barock. Sie beherbergt heute rund 300’000 Bände. Die Regale und reichen Stuckaturen sind aus Eben- und Rosenholz gefertigt, die mit chinesischer Kunst verzierten Wände zeugen von der einstiegen kolonialen Grossmacht Portugal.

Am besten lässt man sich von einem Studenten der Universität durch die geschichtsträchtigen Mauern führen. Dann erfährt man, dass in der Bibliothek Fledermäuse leben, die sich um die lästigen Insekten kümmern. Oder, dass weisse Papierfetzen ausgeliehene Bücher bezeichnen und Geister genannt werden. Und man erfährt auch, was es mit dem Gefängnis im unteren Stock auf sich hat.

Martin Burkhalter

 


Tomar

Geister in den Regalen, Fledermäuse auf Insektenjagd, eingesperrte Studenten, Geschichten über Geschichten. Die nächste wartet schon. Die Reise geht weiter, 80 Kilometer über die spiegelglatte, weil neue Autobahn, hinein in eine weitere Stadt, die geschichtsträchtiger nicht sein könnte. Tomar, 40’000 Einwohner, früherer Nabel der Welt, Sitz der Tempelritter, später Christusorden genannt, heute durch das Christuskloster Magnet für Touristen aus aller Welt.

Die mittelalterliche Altstadt von Tomar ist ideal dafür, nach einem deftigen portugiesischen Mittagessen, im Casa das Ratas etwa, dem Haus der Ratten, einen Verdauungsspaziergang zu unternehmen.

Impressionen aus Tomar

Danach gehts hinauf zum Convento de Cristo, dem Christuskloster, das erhaben über dem Städtchen thront. Das Kloster, von den Tempelrittern erbaut, ist in seinem Kern eine Reproduktion der Heilig-Grab-Rotunde aus Jerusalem. In diesen prachtvollen Gemäuern liegt es verborgen, das Geheimnis um die einstige portugiesische Glorie, als der kleine Staat noch eine Weltmacht war. Nach der Führung sieht man die Welt mit anderen Augen.

Martin Burkhalter

 


Óbidos

Dann genug von alten Gemäuern. Weiter gehts, nochmals 100 Kilometer Autobahn, spiegelglatt wieder, vorbei an Wäldern aus Eukalyptusbäumen, die seit einer Dekade die Papierindustrie ankurbeln, weil sie schneller wachsen, gleichzeitig aber den Boden und die hiesige Flora zerstören, vorbei an niedergebrannten Bäumen, Zeugnis von wüsten Waldbränden, die Portugal alle Jahre wieder heimsuchen, weiter hinaus Richtung Meer und hinein nach Óbidos, die malerische Kleinstadt auf einer Anhöhe wenige Kilometer entfernt von der Atlantikküste.

Óbidos wird auch Stadt der Königinnen genannt, weil sie immer wieder als Hochzeitsgeschenk von Königen an ihre Königinnen vermacht wurde. Óbidos mit seinen engen Gässchen, mit den erhaltenen Stadtmauern aus dem 14. Jahrhundert und der tollen Aussicht. Ein Ort für Romantiker und: für Literaturliebhaber.

Impressionen aus Óbidos

Seit gut fünf Jahren ist Óbidos nicht nur Stadt der Königinnen, sondern auch Stadt der Bücher. Ein Lebensmittelladen, ein Weinkeller, die Kirche Santiago, das Hotel The Literary Man, alles Orte, die nun auch Buchhandlungen sind. Das simple Ziel des Projekts: Die Leute zum Lesen zu bringen. Die Idee stammt von Telmo Faria, dem ehemaligen Bürgermeister der Stadt und heutigen Inhaber des Literary Man. Zum zweiten Mal fand dieses Jahr das Literaturfestival Folio statt. 30’000 Besucher waren gekommen. An elf Tagen wurde das Städtchen von nationalen und internationalen Autoren belesen. Zu Gast war unter anderen der karibische Nobelpreisträger V. S. Naipaul.

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Tipps & Infos

Für eine Rundreise durch das Centro empfiehlt sich ein Mietwagen. 
Mit gut 8 Stunden Autofahrt lässt sich die Region mit all seinen Facetten erkunden.
Es gibt Flüge mit der portugiesischen Airline TAP von Zürich nach Porto und Lissabon ab 100 Franken.

Porto: Hier muss man sich nur eine Frage stellen: Meer oder Fluss?
Fischerdorfambiente gibts am Douroufer, riesige Häfen und Grossstadtfeeling am Atlantik.
Die Buchhandlung Lello et Irmão liegt im Zentrum und öffnet um 9.30 Uhr.

Castelo Rodrigo gehört zu den zwölf historischen und geschützten Dörfern Portugals.
Übernachtung: Guesthouse Cisterna, mit nächtlicher Besichtigung der Felsgravuren aus dem Paläolithikum.

Coimbra und Tomar kann man gut an je einem Tag besuchen mit Zwischenstopp und Übernachtung in Pombalinho Soure
in der Villa Pedra, einer aus den Ruinen des ehemaligen Dorfes Aldeia de Cima entstandene Hotelanlage. www.villapedra.com.

Óbidos, Stadt der Königinnen und der Bücher.
Übernachtung in The Literary Man. Ein Hotel voller Bücher. www.theliteraryman.pt.

Diese Reise wurde offeriert von ARPT Centro de Portugal. www.centerofportugal.com.

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Veröffentlicht inMultimedialesReisen