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Schwaars letzte Reise

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Bild: Daniel Fuchs

Peter Ramseier hat seinem langjährigen Freund Hans Ulrich Schwaar mit einem intimen und bewegenden Filmporträt die letzte Ehre erwiesen. Letzten Samstag war in der Kupferschmiede in Langnau Premiere.

Veröffentlich in der Berner Zeitung, am 08.12.2014. Zum Online-Artikel.

Vor rund 10 Jahren sind sie sich zum ersten Mal begegnet. Das letzte Mal haben sie sich im Januar 2014 gesehen. Beide Male war der Ort der gleiche: Lappland. Dort, im Norden Skandinaviens, traf Regisseur und Kameramann Peter Ramseier auf den im Februar diesen Jahres verstorbenen Emmentaler Lehrer, Schriftsteller, Sportler, Kunstsammler und Experte für die samische Kultur, Hans Ulrich Schwaar.

Der zweite Film

Mit 15 oder 16 Jahren habe er eines Nachts vom hohen Norden geträumt, erinnert sich Regisseur Ramseier. 2005, rund 35 Jahre später, erschien «Näkkälä», sein Dokumentarfilm über Lappland. Hans Ulrich Schwaar, der damals dort lebte, trat in diesem Film als Vermittler der samischen Kultur auf. Aus der Zusammenarbeit entstand eine tiefe Freundschaft.

Letzten Samstag in der Kupferschmiede in Langnau war Premiere eines zweiten Films von Peter Ramseier über den Norden. Dieses Mal jedoch standen Hans Ulrich Schwaar und sein bewegtes Leben im Mittelpunkt.

Irgendwann sei ihm der Gedanke gekommen, einen Film über das vielseitige Leben seines Freundes zu drehen, sagt Ramseier. Er habe ihn gefragt, und Schwaar habe geantwortet: «Wenn du mich für so wichtig hältst: Wieso nicht?» So begannen vor rund eineinhalb Jahren die Dreharbeiten für den Dokumentarfilm «Daheim in Näkkälä».

Rückblicke im Altersheim

Das Drehbuch sei ursprünglich so konzipiert gewesen, dass Schwaar im Altersheim in Schangnau auf sein Leben zurückblicke, sagt Ramseier. Der Film beginnt denn auch mit intimen Einblicken in Schwaars Heimalltag. An seinem Schreibtisch sitzend, erzählt dieser etwa, dass er ursprünglich Psychologe habe werden wollen, sein Vater schickte ihn aber ans Seminar, und so sei er halt Lehrer geworden − auch eine Art Psychologe.

Der 93-Jährige berichtet von seinen ersten Schreibversuchen, vom Übersetzen von welschen Autoren, darüber, wie er zum Kunstsammler wurde und wie es mit der Liebe gewesen sei. Er erzählt von der Begeisterung für den Sport und immer wieder von seiner zweiten Heimat, von der Sehnsucht nach Lappland, nach Näkkälä.

Stets ist Ramseier mit seiner Kamera so nah dran, dass eine Intimität entsteht, die den Zuschauer gänzlich einnimmt. Der Film wird beinahe zur realen Begegnung. Herrliche Bilder aus dem Emmental wechseln sich ab mit Aufnahmen aus dem hohen Norden, Klaviermusik untermalt die finnische Landschaft, Jodellieder jene des Emmentals.

Der letzte Aufbruch

Plötzlich aber ein Bruch, der Film nimmt eine andere Richtung: Schwaar will weg. Er will nicht mehr in diesem Altersheim bleiben, wo man nur hinkomme, um «abzusärbeln». So nimmt er den Zuschauer mit auf eine Reise. Er will nochmals nach Lappland. Der halb blinde, auf Pflege angewiesene Hochbetagte möchte nochmals in seine zweite Heimat. Der Zuschauer begleitet ihn auf die Gemeindeverwaltung, wo er seinen Heimatschein abholt, und hier wird klar: Es wird seine letzte Reise sein.

Hans Ulrich Schwaar nimmt Abschied vom Emmental, von Freunden, zieht ein letztes Mal hinauf in den Norden, wo er den Tod eines langjährigen Freundes erleben muss, wo er wieder beinahe leichtfüssig durch die karge Landschaft der Tundra spaziert. Man sieht seine Augen leuchten, ihn nochmals aufblühen. Und dann begreift man es: Er wird nicht mehr zurückkommen.

Kurz nach Drehschluss ist Schwaar in Lappland 94-jährig verstorben. Peter Ramseier hat seinem Freund mit diesem warmen, intimen und ergreifenden Porträt die letzte Ehre erwiesen.

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