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Bern & so: Kolumne

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Alle Kolumnen seit Anfang 2017.
 

10.02.2017

Schall und Rauch: Ein Kammerspiel

Heutzutage ist man schon randständig, wenn man sich in ein Fumoir setzt. Dabei schreibt das Leben gerade dort die besten Geschichten. Deshalb bin ich regelmässig in einem – irgendwo zwischen dem Schloss Burgdorf und der Langnauer ­Ilfishalle. Das Publikum, bestehend aus einem halben Dutzend Stammkunden: Nennen wir es eigentümlich.

Vorhang auf.

Erster Stammkunde: das Berner Wappen auf den rechten Oberarm tätowiert, schwarze Lederweste, schütteres Haar, kein Schnauz. Er trinkt ein grosses Chübeli und raucht Brunette Doppelfilter. Die Gesinnung ist auch schnell herauszuhören: Mit Nicht-Einheimischem hat er Mühe. Ausser mit Udo Jürgens, den er jetzt übers Handy abspielt. So laut, dass er damit das Gedudel von Radio Swiss Pop übertönt.

Zu laut, findet ein anderer Stammgast zwei Tische weiter. Gut 50 Jahre alt. Grauer Pullover, Jeans, Puma-Sportmütze, Brille, graumelierter Schnauzbart, Stange und eine Packung Marlboro rot vor sich auf dem Tisch. Hautfarbe: dunkel.

«Mach das leiser», sagt der Puma-Bemützte. «Ist ja nicht auszuhalten.» «Was willst du?», erwidert der mit der Lederweste. «Vielleicht deinen Scheiss-Araber-Sound?» «Halt, halt!», sagt der mit dem Schnauz – mit Echo. «Es gibt sehr schöne arabische Musik.»

Die Luft lädt sich elektrisch auf. Stühle werden gerückt. Die anderen Gäste schütteln den Kopf. Beschwichtigende Worte fallen. Der mit der Lederweste bekommt rote Ohren. Dann unangenehmes Schweigen. Dann hustet einer an Tisch eins. An Tisch vier zündet ein anderer eine Zigarette an. An Tisch drei greift eine ältere Dame mit zittriger Hand nach ihrem Ballon Weisswein. Dann verfliegt die Anspannung plötzlich.

«Zeig mir deine Musik», sagt der Udo-Jürgens-Fan und geht rüber zum Puma-Bemützten. «Ich muss das lernen. Ich will deine Musik kennen lernen», sagt er und dann beinahe sanft: «Es tut mir leid. Ich habe nur Angst, weisst du, wegen Syrien, wegen IS und Terror und so.»

Kurze, aber innige Umarmung.

Vorhang.

Im Grossen und Ganzen sind wir im Kleinen doch alle harmoniebedürftig.


14.01.2017

Süsser Ungehorsam

Ich bin viel unterwegs, zwangsläufig, berufsbedingt. Als Stadtberner und Emmental-Redaktor dieser Zeitung gehöre ich zu jenen 250 000 Menschen, die sich jeden Tag durch den Hauptbahnhof drängen. Ich habe sogar die Langstrecke zu bewältigen. Gleis 13! Jedenfalls gibt es im Bahnhof Bern seit einem halben Jahr diese gelben Pfeile am Boden und an der Decke. Ein neues Verkehrsregime. Das hat mich zum Nachdenken gebracht. Etwas stimmt nicht. Monatelang habe ich mir den Kopf zerbrochen.

In der Prä-Gelbe-Pfeile-Ära, da herrschte Chaos. Anarchie! Und natürlich gab es Wut. Über diesen oder jenen Pendler mit weissen Turnschuhen und entblössten Knöcheln, der mir den Weg abschnitt, auf die Füsse trat oder mir die Pendlerzeitung ins Gesicht drückte. Natürlich regte ich mich auf, heftig, aber kurz.

Dann kamen diese gelben Pfeile, und an die Stelle einer Espressowut trat nach und nach ein veritabler Filterkaffee-Groll. Schon fast eine Bünzli-Schweizer-Verbitterung. Eine mit Magengeschwürpotenzial! Plötzlich nervte mich nämlich nicht mehr nur der eine oder andere ungehobelte, ohrenbestöpselte Hochleistungspendler, sondern ganze Heerscharen. Jeder, der mir entgegenkam, liess mir den Morgenkaffee sauer aufstossen. Erstaunlich, wie viele Menschen sich nicht an die Regeln halten. Wieso zum Teufel… dacht ich mir. Es wäre so simpel. Rechts abfahren, links ankommen.

Monatelang habe ich mich über meine Mitmenschen aufgeregt. Bis sich mein innerer Punk meldete und mir den wahren Feind aufzeigte.

Die Welt ist nicht perfekt. Zum Glück nicht. Weil perfekt ist langweilig. Und Gehhilfen sind auch sehr unsexy, genau wie gelbe Pfeile, die einem letzten, wunderschönen Chaos den Garaus machen wollen. Sollen wir denn wirklich, wie Lemminge, gedankenlos in Richtung Klippe marschieren?

Das neue Jahr hat gut angefangen. Heute tänzle ich durch die Bahnhofshalle und lächle jedem zu, der mir entgegenkommt. Süsser Ungehorsam, denk ich mir. Yeah, Fuck the System.

 

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