Zum Inhalt

«Taxifahrer sind einsame Wölfe»

OLYMPUS DIGITAL CAMERA
«Laster bringen Fahrten»: Olivier Casetti

Olivier Casetti mag Menschen. Seit über dreissig Jahren fährt er mit seinem Taxi durch Berner Nächte. Nach vier Stunden auf dem Bei­fahrersitz wird klar, warum die Menschen auch ihn mögen.

Taxidfahrer sind einsame Wölfe (pdf): Erschienen in der Berner Zeitung am 21.02.2017

Kurz nach Sonnenaufgang liegt Olivier Casetti jeweils in seinem Bett und löst ein Sudoku. Dann schläft er ein. «Das ordnet mir den Kopf. Nur so schlafe ich gut», sagt er. Olivier Casetti ist 52 Jahre alt. Dreissig davon fährt er Taxi in der Stadt Bern. Vorher für Bären-Taxi, seit Anfang Jahr ist er selbstständig.

«Manchmal ist es mir etwas lang», sagt er. Früher hat ihn die Taxizentrale ständig mit Aufträgen beschäftigt. Jetzt aber muss er selber Jäger sein. Vorher, da verdiente er nur 40 Prozent des Fahrpreises, dafür war das Warten entspannt. Jetzt ist da dieses Kribbeln. Denn die Konkurrenz in der Stadt Bern ist gross.

Ruhender Pol

Um 0.45 Uhr reiht Casetti sich mit seinem Toyota Prius+ Hybrid, sieben Plätze, am Casinoplatz ein, an dritter Stelle. Mit ihrem Fahrzeug in Kolonen eingereiht, verbringen Taxifahrer einen grossen Teil ihrer Nächte. Allein unter vielen. «Taxifahrer sind einsame Wölfe», sagt Casetti. «Ein Schlag Mensch, der lieber für sich ist.»

An Casettis Seite ist einem auf eine rätselhafte Weise wohl. Vielleicht, weil eine Genügsamkeit von ihm ausgeht. Weil er im Gespräch unaufgeregt den Anfang macht, dann aber den Gast entscheiden lässt, ob er reden will.

Vielleicht, weil er im richtigen Moment eine unangenehm werdende Stille mit einer kurzen Frage aufbricht. Vielleicht auch, weil er nie zu schnell oder zu langsam fährt. Und wohl auch, weil er den Taxameter erst im richtigen Moment einschaltet. Klar ist: Casetti ist ein ruhender Pol in einer Freitagnacht.

Schwere Zunge

Nach wenigen Minuten klopft ein junger Mann mit etwas Schlagseite, schwerer Zunge und einem süsssäuerlichen Atem ans Fenster. Er will an den Burgernziel-Kreisel.

Olivier Casetti ist ein Bär von einem Mann. Wenn er aussteigt, muss er sich aus der Tür quetschen – mit Anlauf. Er ist sicher 1,90 gross, breitschultrig, mit Bauch und Bart und einem Béret. «Nein, Angst hatte ich noch nie», sagt er in breitem Berndeutsch. Trotz meist arg alkoholisierten Gästen, manchmal aggressiv, manchmal überdreht, manchmal frustriert. «Die meisten sind anständig», sagt er.

Wer Taxi fährt, ist Zuschauer, ist mittendrin im nächtlichen Treiben der Menschen, ohne wirklich dabei zu sein. Casetti hat schnell begriffen: Nur ja nicht am Tag fahren. Da gibt es Staus, Hitze, Stress und redselige, ältere Damen, die nur von ihren Gebrechen erzählen. Das deprimiert. Seit dreissig Jahren liebt Casetti die Nacht. Da hat er Ruhe, und was die Gespräche angeht, hat eher er die Zügel in der Hand.

Geborgen im Taxifond

1.30 Uhr. Casetti reiht sich beim Loeb ein. Kurz darauf steigt ein Mann von trunkener Müdigkeit zu. Das Ziel ist das Breitenrainquartier. Nur ein Wort fällt, und das ganz am Schluss: Danke.

«I rede gärn mit de Lüt», sagt Olivier Casetti. «Man erfährt viel von den Menschen.» Anders als etwa in einer Bar. Dort komme man sich oft zu nah und sei nicht man selbst. In der warmen Geborgenheit eines Taxifonds aber ist das anders. «Da öffnen sich die Menschen. Man lernt sich ­kennen.»

OLYMPUS DIGITAL CAMERA
Der Fahrer und sein Gefährt, ein Toyota Prius+ Hybrid. Bilder: Martin Burkhalter

Verliebt im Taxi

So wie damals im Winter 1992. Eine Frau mit dem Namen Natalie und braunen Augen steigt auf dem Bundesplatz-Parkplatz in sein Taxi. Sie unterhalten sich übers Skifahren. Natalie spricht davon, dass sie sich in den Skiferien immer wie das fünfte Rad am Wagen fühlt – als Single.

Jahre später sagt sie ihm, dass sie gleich von Anfang an hin und weg gewesen sei. Er sagt heute: «Ich war nicht gleich überwältigt. Ich fand, man konnte gut mit ihr reden. So wie man mit den einen gut und den anderen eben weniger gut reden kann. Aber diese Augen habe ich nicht vergessen.» Heute ist Olivier Casetti seit 23 Jahren mit Natalie verheiratet.

Akademiker am Steuer

2.15 Uhr. Kaffeepause im McDonald’s. Dann will ein Mann nach einem Geschäftsanlass in der Dampfzentrale nach Hinterkappelen. Die Kunst, seine Trunkenheit mit steifer Körperhaltung zu verbergen, gelingt nur schlecht.

Olivier Casetti finanzierte sein Volkswirtschaftsstudium mit dem Taxifahren. Das war Mitte der 1980er-Jahre. Dann verpasste er den Einstieg in die Branche, wie er sagt, und gleichzeitig den Ausstieg aus dem Taxigeschäft.

«Wie sage ich das, ohne wie ein Versager zu klingen?» Irgendwann habe er gemerkt, dass er diesen Job liebe und dass es zu spät war für den anderen. «Ich bin kein ambitionierter Mensch. Ich wollte nicht Karriere ­machen.»

«Wie sage ich das, ohne wie ein Ver­sager zu klingen?»Olivier Casetti

«Laster bringen Fahrten»

Es ist Barstreet-Festival-Zeit in Bern. Ab drei Uhr ein fixer Treffpunkt für die Taxifahrer dieser Stadt. Schon bald will eine Handvoll dem Teenageralter gerade entschlüpfte Jungs «nur noch nach Hause». Die Fahrt führt über Bolligen nach Ferenberg. Im Wageninneren riecht es bald wie in einer Schnapsbrennerei.

Casetti trinkt und raucht nicht. Den Alkohol hat er nie gemocht. Die Ausdünstungen seiner Fahrgäste stören ihn aber nicht. Im Gegenteil. «Ich bin froh, dass die Leute Alkohol trinken», sagt er. Über alle Laster ist Casetti froh, weil: «Laster bringen Fahrten.» Die Rotlichtmilieus, die Casinos, die Cabarets. Alles Orte, die man am besten in der Anonymität eines Taxis besucht und auch wieder verlässt.

Der Weg von Ferenberg zurück mit Blick über Bern ist schön und friedlich. Auch wenn nichts Casetti aus der Ruhe zu bringen scheint – die eine grosse Fahrt, der Jackpot, flimmert immer am Horizont der Nacht.

Einmal hat er ihn geknackt. Japanische Touristen, die ihrem Reisecar hinterherreisen mussten, weil sie ihre Pässe in Bern vergessen hatten. Bern–Genua, 2000 Franken. Eine Fahrt, Lohn für mehr als eine Woche Arbeit. Das sind die Verheissungen in den langen Nächten eines Taxifahrers.

Mit einer Niere nach Genf

Abenteuerliche, aufregende Fahrten fehlen, seit Casetti selbstständig ist. Etwa die Kurierfahrten fürs Inselspital. Bei Bären-Taxi war er der Mann für solche Aufgaben. Auf der Liste der Zuverlässigen ganz oben. Einmal musste er eine Niere nach Genf fahren, weil der Helikopter fehlte. Und immer mal wieder brachte er Blutproben von A nach B.

Um halb fünf wartet er in der Rathausgasse. Bevor er den letzten Gast, den Journalisten, nach Hause fährt, sagt er: «Ich muss mir noch die Wi-Fi-Passwörter besorgen», und zeigt auf die Kneipen links und rechts. Früher war es die Zeitung, heute überbrückt man mit dem Internet die Momente, wenn es einem wieder mal «lang wird».

 

TAXIS UND DIE STADT BERN

Jeder selbstständige Taxifahrer kämpft ums Überleben

Wer in der Stadt Bern ein Taxi braucht, muss nie lange warten. Das Angebot ist riesig. Neben den bekannten Taxizentralen Nova und Bären-Taxi drehen auch etliche private Taxifahrer ihre Runden.

Das Taxigewerbe in der Stadt ist bewilligungspflichtig. Die Fahrzeuge sind mit einer Nummer an der Taxilampe gekennzeichnet, und der Taxiführer muss einen grünen Ausweis, gut sichtbar, vorne im Taxi befestigen. Zudem gilt die Beförderungspflicht – ein Taxifahrer darf kürzere Fahrten nicht ablehnen. Weiter gilt, dass die Tarife gut sichtbar am Fahrzeug angeschrieben sein müssen. Die Preise sind aber nicht vorgeschrieben, es können auch Pauschalen vereinbart werden.

Laut der Ortsund Gewerbepolizei gibt es in der Stadt insgesamt 389 Taxiführerbewilligungen. Weiter sind 171 Taxiunternehmen registriert. Da zählen Einzelunternehmen, aber auch grössere, wie etwa Bärenoder Nova-Taxi, dazu. Total kursieren in der Stadt Bern 319 registrierte Taxifahrzeuge. Hört man sich im Gewerbe etwas um, kämpft jeder selbstständige Taxifahrer ums Überleben. Längst nicht alle kommen auf einen Monatslohn von über 3000 Franken.

Veröffentlicht inLokales