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Und ewig lockt Olympia

Gretchen Fraser, die amerikanische Skirennfahrerin, an den Olympischen Winterspielen 1948 in St. Moritz in Aktion in der Abfahrt. Bild: Keystone

Swiss Olympics will eine Kandidatur für die Winterspiele 2026. Im Wallis, in Bern und in Graubünden gibt es Initiativen. Ihnen kommt entgegen, dass das Internationale Olympische Komitee neue Rahmenbedingungen für den Megaevent geschaffen hat.

Erschienen in der Berner Zeitung am 26. Mai 2016.

68 Jahre ist es her, in 10 Jahren könnte es wieder so weit sein: Olympische Winterspiele in der Schweiz. Am 11. März 2016 haben sich die Mitglieder des Sportparlaments von Swiss Olympics einstimmig dafür ausgesprochen, eine Kandidatur für die Winterspiele 2026 anzustreben.

Einer, der dem skeptisch gegenübersteht, ist Hansruedi Müller, emeritierter Professor und ehemaliger Leiter des Forschungsinstituts für Freizeit und Tourismus der Universität Bern. «Ich habe Mühe mit dem von Swiss Olympic eingeleiteten Prozess. Das Risiko ist gross, dass es einmal mehr ein Jekami mit chancenlosen Kandidaturen gibt», sagt er. Die Schweiz habe genug Erfahrung mit kläglich gescheiterten Kandidaturen.

«Das Risiko ist gross, dass es einmal mehr ein Jekami mit chancenlosen Kandidaturen gibt.»

Hansruedi Müller Tourismusprofessor

In der Tat ist die hiesige Geschichte von Olympiabewerbungen eine mit wenigen Höhen und vielen Tiefen. Zweimal brannte das Olympische Feuer in der Schweiz. Aber das ist sehr lange her: 1928 und 1948. Beide Male in St. Moritz. Danach folgten nicht weniger als 13 erfolglose Bewerbungen. In Erinnerung ist noch jene von Sitten für die Winterspiele 2006, als das Wallis gegen Turin den Kürzeren zog. Andere Projekte, zuletzt in Graubünden, zuvor in Bern, Zürich, Lausanne und Genf, wurden entweder von der lokalen Bevölkerung bachab geschickt, oder sie waren für Swiss Olympics nicht gut genug.

Das Volk ist dagegen

Dass vor allem die Bevölkerung eine grosse Hürde für Olympiaprojekte darstellt, hat seinen guten Grund: Das Ansehen der Olympischen Spiele hat in den letzten Jahren gelitten. Es ist schwer geworden, bei diesem Anlass noch an eine sportliche Völkerverständigung zu glauben. Die negativen Schlagzeilen über den Gigantismus der Winterspiele im russischen Sotschi 2014 und den Sommerspielen 2008 in Peking sind unvergessen. Rund 40 Milliarden Investitionskosten, ausgebeutete Bauarbeiter, hier wie da Umweltschäden und Menschenrechtsverletzungen. Die Liste der Verfehlungen dieser Megaevents ist lang. Und ebenso lang ist dann auch die Liste mit den Ortschaften, die eine Kandidatur angestrebt haben, dann aber vom Volk zurückgepfiffen wurden: Stockholm, Krakau, Oslo und Graubünden für die Winterspiele 2020, Hamburg und Berlin für die Sommerspiele 2024.

Nein, Sotschi und Peking haben keinen guten Eindruck hinterlassen. Zumindest in Europa scheint kaum jemand mehr Spiele ausrichten zu wollen. Dabei sollte Olympia ein Fest sein, das grösste Sportfest der Welt, wie es heisst.

Wieso es gerade die Schweiz nochmals versuchen will, hat damit zu tun, dass auch das Internationale Olympische Komitee (IOC) erkannt hat, dass es so nicht weitergehen kann. Im Rahmen der «Olympischen Agenda 2020» hat das IOC Reformen durchgesetzt, die überdimensionierte und grössenwahnsinnige Spiele à la Sotschi verhindern sollen. Konkret bedeutet das: Olympische Spiele sollen dort stattfinden können, wo die nötige Infrastruktur bereits vorhanden ist und nicht milliardenschwere Investitionen getätigt werden müssen. Zudem sollen neu auch dezentrale Spiele möglich sein, was auch für kleine Länder wie die Schweiz eine Kandidatur wieder möglich macht.

Auch die Finanzierung wurde mit der Agenda 2020 angepasst. Zum einen wurde der Bewerbungsprozess entschlackt. Zum andern beteiligt sich das IOC mit höheren Beiträgen an den Organisationskosten. So erhält Peking beispielsweise rund 880 Millionen Dollar für die Winterspiele 2022. Deshalb könne laut Swiss Olympics zumindest das operative Budget mit Werbebeiträgen, Sponsoring, Ticketverkäufen und Merchandising gedeckt werden, ohne die Kassen von Bund, Kanton oder Gemeinden zu belasten.

Zu viel für die Schweiz

Die Agenda 2020 lässt es also zu, dass in der Schweiz wieder von Olympia geträumt wird. Zumindest drei solche Träume sind inzwischen bekannt. Sowohl in Gaubünden wie im Wallis und auch in Bern haben sich Gruppen gebildet, die an Schweizer Winterspiele glauben (siehe Kasten). Auch in der Genferseeregion tut sich was. Dort findet aber erst heute Donnerstag eine Pressekonferenz statt. Neue Rahmenbedingen und neue Ideen also. Der langjährigen Swiss-Athletics-Präsidenten Hansruedi Müller findet die Pläne trotzdem heikel. Aus zwei Gründen:

1. 2027 ist eine Expo in der Ostschweiz geplant. Beide Grossanlässe innert Jahresfrist würden seiner Meinung nach die Schweiz überfordern.

2. «Eine seriöse Vorbereitung einer Kandidatur braucht mehr Zeit», so Müller.

Tatsächlich: Der Zeitplan ist straff. Seit dem 20. April läuft das Nominierungsverfahren. Ende Mai läuft bereits die erste Frist ab. Bis dahin müssen sich die Regionen und Städte entscheiden, ob sie eine Kandidatur anstreben (siehe Grafik). Dann bleibt nicht mehr viel Zeit. Jedes Projekt muss bis September 2017 ausgearbeitet sein und vor allem die Zustimmung der Bevölkerung hinter sich haben. Ohne die wird auf eine Kandidatur verzichtet. Die Schweizer Bewerbung beim IOC ist auf Ende 2017 vorgesehen.

Der lange Weg nach Olympia
Der lange Weg nach Olympia

BERN

Landesweite Olympische Spiele

Olympische Winterspiele 2026 in der ganzen Schweiz. So die Idee der Berner Interessengemeinschaft, unter anderem bestehend aus dem Gstaader Bauingenieur Kurt Iseli, dem Sicherheitschef der Fussball-EM 2008 Martin Jäggi und Berner Politikern. Geplant ist, die Wettkämpfe in mehreren Regionen und Städten stattfinden zu lassen – mit Einbezug der drei Sprachregionen.

Die Rolle der sogenannten Host-City würde eine grössere Stadt im Mittelland übernehmen wie etwa Bern, Zürich oder Luzern, so die Idee. Mittels eines «GA-inklusive-Angebots» sollten die Besucherströme auf die Schiene verlagert werden. Auch ist vorgesehen, die Zuschauer vor allem in Hotels im Unterland unterzubringen, um die Bergregionen zu entlasten. Die Initianten sehen in ihrem Konzept vor allem einen Vorteil: Durch ein schweizweites Olympiaprojekt könnten Nutzen und besonders die finanziellen Lasten breit aufgeteilt werden. Dies sei möglich, weil «nahezu alle benötigten Infrastrukturen in der Schweiz bereits bestehen», sagt Kurt Iseli, Kopf der Interessengemeinschaft. «Die Schweiz an sich ist vergleichbar kompakt mit grösseren Städten in anderen Ländern», sagt er weiter.

«Das IOC wäre froh um eine Schweizer Kandidatur, als Beweis dafür, dass seine Reformen etwas gebracht haben.»

Kurt Iseli, IG Bern

Die nahen Distanzen, die gut erschlossenen Bergregionen, die vorhandene Infrastruktur, all das entspreche der Agenda 2020 des Internationalen Olympischen Komitees (siehe Haupttext). «Ich glaube das IOC wäre froh um eine Schweizer Kandidatur, als Beweis dafür, dass seine Reformen etwas gebracht haben», so der Gstaader. Indes sieht sich das Projekt mit einigen Widerständen konfrontiert. Wie in verschiedenen Medien bereits zu lesen war, lehnen Zürich und Bern es ab, die mögliche Host-City zu sein und eine Führungsrolle zu übernehmen.

Es gibt auch positive Nachrichten. Laut Iseli haben Luzern und die Zentralschweiz bereits konkretes Interesse gezeigt. Und auch der Kanton Bern und verschiedene Oberländer Gemeinden sprachen sich für eine Bewerbung aus und unterstützen die Idee schweizweiter Spiele. mbu

GRAUBÜNDEN

Skiwettkämpfe im Bündnerland, Eishockey in Zürich

Der Kanton Graubünden hat ein ambivalentes Verhältnis zu Olympia. 1928 und 1948 fanden die Winterspiele in St. Moritz statt. Für die Spiele 1980 in Davos und zuletzt 2012 wiederum in St. Moritz konnten sich dann aber nicht genug begeistern. Das Volk lehnte eine Kandidatur ab.

Einer, der 2012 auch Nein gesagt hat, ist Andreas Wieland, CEO der Bündner Firma Hamilton Bonaduz AG. Jetzt, vier Jahre später, leitet er das von Bündner Wirtschaftsverbänden beauftragte Kompetenzteam, das ein Konzept für eine Kandidatur 2026 ausarbeiten soll. «Ich war dagegen, weil eine Milliarde Franken für temporäre Infrastruktur ausgegeben werden sollte», sagt Wieland. «Das fand ich irrsinnig.» Er glaube aber, dass Olympische Spiele vor allem dem Schweizer Tourismus den nötigen Schub verpassen könnten. Deshalb glaube er an eine Kandidatur.

Wieland und sein Team versuchen es ähnlich wie die Idee aus Bern mit dezentralen Spielen in verschiedenen Regionen. Ziel sei es, so oft wie möglich auf bestehende Infrastrukturen zurückgreifen und dadurch auf millionenteure provisorische Bauten zu verzichten. Um dies zu erreichen, sollen die Winterspiele 2026 auch kein Bündner Sololauf werden. So sollen laut Wieland etwa nur die Outdoorwettkämpfe in Graubünden ausgetragen werden. Die Hallensportevents fänden alle in Zürich statt. «So bleiben auch die grossen Zuschauermassen im Unterland», so Wieland. Was wiederum die Bergregion schone und deshalb auch auf grosse Ausbauten der Verkehrsinfrastruktur verzichtet werden könne.

Aber nicht nur eine enge Zusammenarbeit mit Zürich ist vorgesehen. Auch andere Regionen sollen einbezogen werden. Wieland sieht vor, etwa das Skispringen auf den Schanzen in Engelberg und Einsiedeln durchzuführen. «Für jede Sportart der geeignete Standort.» mbu

WALLIS

Das gut behütete Geheimnis

Auch das Wallis hat eine olympische Geschichte. Eine, die wohl den einen oder anderen noch heute erzürnt.

Das Wallis bewarb sich schon dreimal mit Sitten für die Winterspiele: 1972, 2002 und zuletzt 2006 – und scheiterte. Das muss schmerzen, zumal Fachpersonen schätzten, dass eine Kandidatur 30 Millionen Franken kosten kann. Und doch: Ausgeträumt ist der olympische Traum noch lange nicht. Christian Constantin, der umtriebige Bauunternehmer, Besitzer und Präsident des FC Sion, will das olympische Feuer doch noch ins Wallis holen. Die Regierung weiss er zumindest schon hinter sich. Bis heute sind seine Pläne ein gut gehütetes Geheimnis. Man hörte lediglich munkeln, dass auch eine Zusammenarbeit mit Frankreich möglich ist. Für morgen Freitag ist eine Pressekonferenz vorgesehen, an der Constantin seine Vision präsentieren will. mbu

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