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Weltlinkshändertag

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Max Spring

Der 13. August ist der Weltlinkshändertag. Dieser wird seit 1976 begangen und soll auf die unterschiedliche Händigkeit und Herausforderungen für Linkshänder aufmerksam machen. Nur eines ist klar: Linkshänder hatten und haben es nicht immer leicht.

Zum Gedenktag ein paar Mythen, Legend und Fakten zur Forschung über die Händigkeit, ein Porträt über einen Mann, der in der Schule zum Rechtshänder umgepolt wurde und später wieder zurücklernte und ein Erfahrungsbericht über die Sache mit der Schweizer Schulschrift.

Als links nicht rechtens war
Zwangsumpolungen in den Schulen
Schnürlischrift und andere Feinde


Viele Linkshänder wissen, dass der 13. August 1976 ein Freitag war. Warum? Weil dazumal der US-amerikanische Bierhändler und spätere Gründer der Internationalen Linkshändervereinigung Dean R. Campbell diesen Tag zum Weltlinkshändertag erklärte. Der Grund: Er war selber Linkshänder und fand das Leben in einer auf Rechtshänder ausgelegten Welt mühsam. Deshalb wählte er den Freitag, den 13., den Pechtag, wie er ihn nannte, zum offiziellen Linkshändertag.

Vor allem im englischsprachigen Raum wird der Tag mit Festen, Seminaren, Kursen, Sendungen und Artikeln zum Thema Linkshändigkeit begangen. Morgen ist Samstag, der 13. August. 10 bis 15 Prozent der Bevölkerung rücken in den Fokus.

Linkshänders schlechter Ruf

Noch bis Ende der 1970er-Jahre galten Linkshänder als falsch gepolt. Sie galten als ungeschickt, tollpatschig, ja gar pervers, schizophren, autistisch oder gewalttätig. Die linke Seite war schon bei den alten Griechen negativ behaftet. So schreibt etwa Aristoteles, dass nur Rechtshändigkeit normal sei. Auch in der christlichen Symbolik kommt links nicht immer gut weg. So befinden sich auf Bildern des Weltgerichts die Seligen stets rechts, die Verdammten auf der linken Seite.

Und in der Zeit von Sigmund Freud hatten Linkshänder per se moralische Defizite. Noch heute spürt man das, etwa in der Sprache. Im Deutschen halten sich Ausdrücke wie jemanden «linken», ein «linker Vogel sein», «zwei linke Hände haben» hartnäckig, und «linksherum» sein wird immer noch mit Homosexualität assoziiert. Linkshänder zu sein, war lange Zeit also nicht rechtens. Noch keine vierzig Jahre ist es her, dass Linkshänder in der Schule mittels Zwangsmassnahmen lernen mussten, mit der rechten Hand zu schreiben. Wie Studien zeigen, hat das den Betroffenen aber vor allem geschadet (siehe Text rechts).

Mythen und Legenden

Durchforstet man Artikel und Studien über die Händigkeit, kommen allerlei Mythen und Legenden ans Tageslicht. Linkshänder seien ängstlicher, zurückhaltender, sie heirateten seltener, sie seien öfter blond, auch öfter homosexuell, anfälliger auf psychische Krankheiten. Weiter seien Linkshänder kreativer, intelligenter, auch eher Bauch- statt Kopfmenschen. Die Liste ist endlos. Bei den Hochbegabten seien Linkshänder proportional übervertreten, heisst es, im Bereich der Lernschwachen aber ebenfalls.

Dass es zu solchen Annahmen kommt, könnte damit zu tun haben, dass auch etliche Listen mit berühmten Linkshändern kursieren: Leonardo da Vinci, Michelangelo, Paul Klee, Napoleon, Charlie Chaplin, Marilyn Monroe, Obama usw. usf. Da kommt man schon kurz ins Grübeln, bis man merkt, dass man eine ebenso illustre Liste von berühmten Rechtshändern erstellen könnte. Aber was ist nun wahr? Sind Linkshänder anders? «Wissenschaftlich ist nichts eindeutig erwiesen», sagt Katharina Henke, Professorin für Neuropsychologie an der Universität Bern. «Einzig, dass Männer häufiger Linkshänder sind als Frauen.»

Die dominante Gehirnhälfte

Es gibt verschiedene Theorien, wie ein Mensch zu seiner Händigkeit kommt. Eine Studie der Queens University in Belfast etwa besagt, dass die Händigkeit bereits nach der zehnten Schwangerschaftswoche entschieden sei. Andere Untersuchungen kamen zum Schluss, dass das Kind vor allem nachahmt und sich daher erst zwischen dem zweiten und dem fünften Lebensjahr entscheidet, ob es Links- oder Rechtshänder sein will. Und noch andere Studien besagen, dass die Händigkeit durch die Gene übertragen wird. Eines ist klar: Die Forschung ist sich uneinig. Was man laut Katharina Henke aber weiss, ist, dass die Nervenbahnen für die Händigkeit überkreuz laufen. Bei Linkshändern hat die rechte Gehirnhälfte die «funktionelle, motorische»Dominanz, also jene Seite, wo nicht das verbale, sondern das räumliche und bildliche Wahrnehmen, Lernen, Denken und Erinnern zu verorten sind. Der einzige Unterschied, den es zwischen Links- und Rechtshändern laut Henke vielleicht geben könnte, ist die Herangehensweise an eine Aufgabe.

Hier links, da rechts

Es gibt Menschen, die zwar links schreiben, aber rechts Tennis spielen. Auch dieses Phänomen ist nicht restlos geklärt. Nur so viel: Die Schreibhand ist entscheidend. Gemäss Forschung ist es so, dass Bewegungen, die etwa aus den Schultern kommen, nicht zwingend von der dominanten Gehirnhälfte gesteuert werden müssen. Erst wenn Bewegungen feinmotorisch komplex und vom Rumpf entfernt durchgeführt werden – wie beim Schreiben –, übernimmt die dominante Seite.


Zwangsumplungen in den Schulen

Zurück «nach Hause» in die Linkshändigkeit

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Philip Barth musste noch umlernen. Später kehrte er in die Linkshändikeit zurück. Bild: Martin Burkhalter

In der Schule musste er noch umlernen. 40 Jahre später schreibt er wieder links. Die Rückkehr zur Linkshändigkeit war für Philip Barth ein «Nachhausekommen».

Philip Barth ist nicht wütend. Nur manchmal findet er, dass ihm damals Unrecht angetan, dass sein Leben in ungute Bahnen gelenkt wurde. Philip Barth ist 63 Jahre alt, ist promovierter Biologe und arbeitet seit den 1990er-Jahren in der Pharmaindustrie. Über 40 Jahre lang hat er mit der rechten Hand geschrieben, bis zu jenem Jahr, als nichts mehr ging. 2002 habe er eine Art Burn-out gehabt, wie er sagt. Ein Zusammenbruch, eine Krise. Heute geht es ihm gut. Heute schreibt er mit der linken Hand. «Jetzt ist alles am rechten Fleck», sagt er. Barth sitzt in einem Restaurant in Basel, die Gabel hält er in der linken Hand. Dort bleibt sie auch.

Wüste Zwangsmassnahmen

«Ich war stolz, weil ich schon Coca-Cola schreiben konnte, bevor ich in die Schule gekommen war», sagt Philip Barth. Dann kam der erste Schultag. Barth hat ihn nicht vergessen. «Als ich mit der linken Hand nach dem Stift griff, bekam ich erst mal das Lineal zu spüren», sagt er. «Auf der Oberfläche der linken Hand. Damit mir klar werde, welche Hand die richtige sei.» Zwei Wochen lang ging das so. Dann nahm er seinen Stift nicht mehr mit der linken Hand – bis 2002.

Was Philip Barth erlebt hat, war in der Schweiz bis Ende der 1970er-Jahre gang und gäbe. Linkshänder waren falsch, nicht rechtens, nicht geduldet (siehe Text links). Linkshänder mussten zu Rechtshändern werden. Mit drastischen Mitteln. Manchmal mit dem erwähnten Lineal, manchmal wurde der linke Arm hinter den Rücken gebunden, aus Frankreich gibts Geschichten mit kochend heissem Wasser und verbrühten linken Händen. «Nein. Bei mir genügten die Schläge mit dem Lineal», sagt Philip Barth. Seit über 30 Jahren müssen Kinder nicht mehr umlernen. Seit ebenso langer Zeit weiss die Wissenschaft auch, dass solche Umpolungen schädlich sind.

Schlimme Folgen

Die Münchner Psychologin Johanna Barbara Sattler forscht seit Jahren auf dem Gebiet und ist «die» Interessenvertreterin der Linkshänder im deutschsprachigen Raum, insbesondere auch der umgeschulten. Sie sagt: «Eine Umschulung der Händigkeit bedeutet einen unblutigen, zum Teil massiven Eingriff in das menschliche Gehirn.» Die Folgen einer Umschulung der Händigkeit können dementsprechend schlimm sein: Gedächtnisstörungen, Schwierigkeiten mit der Konzentration, legasthenische Probleme, feinmotorische Störungen, die zu Unsicherheit, zu Komplexen, ja gar zu Depressionen führen können.

Die Ursachen beschreibt Sattler so: Die Gehirnhälften sind überkreuz für die Händigkeit zuständig. Für Linkshänder ist also die rechte Gehirnhälfte die dominante und wird deshalb umso mehr beansprucht. Wird ein Linkshänder jetzt umgeschult, wird die dominante Hälfte vernachlässigt und die andere überlastet. Das kann zu Übertragungsschwierigkeiten führen. Solche unnatürlichen Umpolungen greifen in Gehirnablaufprozesse störend ein und zwingen die Betroffenen, dauernd bis zu 30 Prozent mehr Kraft einzusetzen, um ihre Intelligenz zu mobilisieren.

Überlastete Gehirnhälfte

Philip Barth kann davon ein Lied singen. Als er in seiner Krise steckte, begann er, nach den Ursachen zu suchen. Irgendwann stiess er auf die Arbeiten von Johanna Barbara Sattler und erkannte sich wieder. Plötzlich begann einiges Sinn zu machen. «Natürlich waren nicht alle Probleme damit erklärt», sagt er, «aber einige.» Heute erinnert er sich, wie er in der Sekundarschule noch tolle Aufsätze schrieb und schon während des Gymnasiums immer mehr Mühe hatte, obwohl er wusste, dass er es eigentlich besser konnte. Auch später während des Chemiestudiums: «Nach zwanzig Minuten Vorlesung war meine Konzentration vorbei», sagt er. Zuhören und gleichzeitiges Notieren mit der «falschen» Hand überlasteten das Gehirn. «Ich schaffte das Studium trotzdem – mit Ach und Krach», sagt er.

Spätes Verstehen

Damals wusste Barth nicht, was los war. Auch nicht, als er seine Doktorarbeit schrieb, danach 3 Jahre in Westafrika in einem Aidsprojekt arbeitete, auch nicht, als er in der Pharmaindustrie anfing, hätte er gedacht, dass der Klotz am Bein auf die Umschulung von damals zurückzuführen sein könnte.

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Oben: mit der linken Hand geschrieben Unten: mit der rechten Hand

 

Als er 2002 auf Sattlers Arbeiten stösst, zögert er nicht. Umgehend wechselt er die Schreibhand. 2 Jahre später ist Barth mit seiner linken Handschrift zufrieden. Ein Glücksgefühl sei es gewesen, ein Nachhausekommen, sagt er. Sein Denken sei authentischer geworden, und er geriet viel seltener in Clinch mit den eigenen Wahrnehmungen.

Eines Tages, Jahre später, staunte er nicht schlecht, als er einen Nagel einschlagen wollte und plötzlich den Hammer nicht wie gewohnt in die rechte, sondern in die linke Hand nahm.


Schnürlischrift und andere Feinde

Die Schönschreibübungen in der Schule aus der Sicht eines Linkshänders.

Ich bin Jahrgang 1984. Bis 2009 schrieb ich mit links. Heute schreibe ich mit der rechten Hand. Tennis und Pingpong spiele ich mit rechts, Fussball mit dem rechten Fuss, die Schere führe ich ebenfalls rechts, Bälle jedoch, die werfe ich mit der linken Hand. Aber ich bin ein Spezialfall: Vor acht Jahren hatte ich einen Unfall am linken Handgelenk. Seither ist die Bewegungsfähigkeit dieser Hand eingeschränkt und der Tastsinn um etwa 40 Prozent reduziert.

Ich schrieb schon immer Tagebuch. Deshalb lernte ich um. Nach etwas mehr als einem halben Jahr fast täglichen Übens schrieb ich mit rechts. Nicht schön zwar, aber einigermassen lesbar. Der Unfall hat viel verändert, und ein ewiges Problem bin ich dadurch auch losgeworden.

Bevor die Schule anfängt, spielt es ja eigentlich keine Rolle, welche Hand jemand für welche Tätigkeit bevorzugt. Danach aber kann es mühsam werden. In der Schule bekam ich als Linkshänder einen roten Füllfederhalter, alle anderen einen blauen.

Ein Problem war damit aber nicht gelöst: das Verschmieren. Meine damalige Technik nennt sich die Hakenhand und ist weltberühmt. Denn auch US-Präsident Barack Obama wendet sie an. Bevor er 2009 seine erste offizielle Amtshandlung ausübte, indem er seine Unterschrift unter ein Dokument setzte, hatte er gesagt: «Ich bin Linkshänder, gewöhnt euch daran.» Dann griff er zum Stift und verrenkte seine Hand derart, dass die Bilder um die Welt gingen.

Obama ist keine Ausnahme. Vier der letzten fünf Präsidenten der Vereinigten Staaten waren Linkshänder: Obama, Clinton, Bush senior und Reagan. Wobei Letzterer dann doch mit der rechten Hand schrieb. Er musste noch umlernen. So wie das auch in der Schweiz bis Ende der 1970er-Jahre üblich war (siehe Text unten).

Die Hakenhand war also eine Lösung. Auch das Löschpapier war eine. Man legt es sich unter den Handballen und versucht so, das Geschriebene vor der eigenen Hand abzuschirmen. Doch so einfach ist das nicht. Schliesslich kann auch das Papier die Schrift verschmieren. Dazu kommt, dass man vor lauter Multitasking, Konzentration und leichter Panik schweissige Hände bekommt und das Löschpapier an der Haut kleben bleibt. Eine dritte Möglichkeit: die Hand erst gar nicht ablegen – 30 Sekunden bis zum Krampf.

Die Tinte ist das eine Problem. Schlimmer noch war die verlangte Schrift. Die Schweizer Schulschrift, auch bekannt als Schnürlischrift – für Linkshänder eine Tortur. Während es für Rechtshänder nur folgerichtig ist, die Buchstaben nach rechts geneigt zu schreiben, ist das für Linkshänder, wie in eine Zigarette zu blasen.

Während der Rechtshänder die Buchstaben mit lockerer Selbstverständlichkeit hinter sich herzieht, muss der Linkshänder stossen – wie Sisyphos den Stein, muss er die Buchstaben vor sich hin stossen. Ausser er legt das Papier quer und scheibt von oben nach unten.

Ja, diese Schönschreibübungen waren die Hölle. An Sternchen in meinem Schreibheft kann ich mich jedenfalls nicht erinnern. Die Lehrer liessen dann Gnade walten. Irgendwann durfte ich auf einen Tintenroller umsteigen. Schöner wurde die Schreibe dadurch nicht und – auch solche Roller können zu viel Tinte hinterlassen.

Zum Glück ist die Handschrift in der Schule irgendwann einmal nicht mehr wichtig. Und ab da hatte ich, was meine Händigkeit betrifft, auch keine Probleme mehr. Anders als bei «richtigen» Linkshändern waren die Schlitze am Bancomaten für mich nie auf der falschen Seite, die Türklinken auch nicht, weder der Korkenzieher, der Bleistiftspitzer noch Drehtüren machten mir je zu schaffen. Im Auto fühlte ich mich in England auch nicht plötzlich wohler – im Gegenteil.

Nur etwas blieb bis 2009 ein Feind: der Büchsenöffner. Klar, es gibt solche für Linkshänder, aber die machten es auch nicht einfacher. Büchsen waren lange Zeit ein Drama. Seit dem Unfall habe ich keine Probleme mehr.

 

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