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Die schwärzeste Küche des Berner Juras

 Bilder: Enrique Muñoz García

In Grandval steht das älteste Bauernhaus des Berner Juras. Das Gebäude stammt aus dem Jahr 1535. Das Haus mit der teergeschwärzten Räucherküche war noch bis 1982 bewohnt.

Veröffentlicht in der Berner Zeitung am 24.07.2015. Zum Online-Artikel

Ein Haus mit fünf Öfen, aber ohne Kamin. Die Küche schwarz wie die Nacht. Ein zeltförmiges quadratisches Schindeldach. Und ständig entweicht irgendwo Rauch, als würde es brennen. Das ist das Maison du Banneret Wisard in Grandval. Es ist das älteste Bauernhaus des Berner Juras.

Von aussen wirkt das Haus unscheinbar. Erst bei genauerem Hinsehen sieht man ihm die fast fünfhundert Jahre an, die es auf dem Buckel hat. Der Geruch von Geräuchertem indes dringt einem gleich in die Nase.

Mit dunkler Patina

Hinter dem Haus gibt es einen Kräuter- und Blumengarten. Daneben steht ein kleiner Speicher aus dem 17.Jahrhundert. Noch heute werden dort Kräuter getrocknet. Im Wohnbereich des Hauses gibt es vier Zimmer. Eine Kammer, zwei Stuben und in der Mitte die Küche. In jedem Raum steht ein Ofen. Der Rauch der Feuerstellen zieht aber nicht ab, sondern wird durch Löcher in den Wänden in die Küche geleitet und sammelt sich unter der gewölbten Decke.

Dort hängen an dunklen, mit Teer überzogenen Rohren unzählige Würste und Speck. Die Teerschicht stammt vom Fett der Fleischwaren und verteilt sich über die gesamte Küche. Balken, Gewölbe, ja sogar die Möbel sind mit der schwarzen Patina überzogen. Kaum vorstellbar, dass hier noch bis 1982 jemand gewohnt hat.

 Bilder: mrb

Eine Woche pro Monat

1990, nachdem das Haus fast ein Jahrzehnt leer gestanden hatte, nahm die Fondation Banneret Wisard das Haus in ihre Obhut. Rund dreissig Personen kümmern sich heute ehrenamtlich um das alte Gebäude aus dem Jahr 1535, allen voran Lucienne Lanaz ? die Präsidentin der Stiftung.

Grandval liegt am Hang des Mont Raimeux, im Juralängstal unweit von Moutier in Richtung Balsthal. Unscheinbar liegt das Maison Banneret mitten im Dorfkern von Grandval. Lucienne Lanaz wohnt gleich nebenan, ebenfalls in einem Gebäude aus dem 16.Jahrhundert. Hier lebt sie seit rund vierzig Jahren. Die 77-Jährige ist Dokumentarfilmerin und seit gut fünf Jahren Präsidentin der Stiftung. «Gut eine Woche pro Monat arbeite ich für das Haus», sagt sie. Über Fritz Marti, den letzten Bewohner des Hauses, hat Lanaz einst einen Film gedreht. Seither liess das Haus sie nicht mehr los.

Eloquente Führungen

Die Führungen von Präsidentin Lanaz sind ein Erlebnis. Weil sie laut und leidenschaftlich über das alte Haus berichtet und hier und da eine amüsante Anekdote einflechtet. Etwa, dass der letzte Bewohner immer schmutzig gewesen war vom ewigen Rauch und sich nur selten gewaschen hatte; seine Kinder aber glücklicherweise jede Woche in den Sportunterricht mussten und dort duschen konnten. Oder wie sich der Sanitärinstallateur die Zähne am alten Gemäuer ausbiss, als er eine Toilette einrichten wollte.

Verschiedene Veranstaltungen finden regelmässig in und um das Haus statt. Die nächste ist das Fest der Kuchen inklusive Flohmarkt am 19.September. Da gibt es Geräuchertes, Getränke und verschiedene Kuchen aus dem alten Brotofen. An solche Feste kämen auch schon mal 200 Menschen, sagt Lanaz.

Viel ist zur Geschichte des Maison Banneret Wisard nicht überliefert. Der berühmteste Bewohner und auch Namensgeber des Hauses war Henry Wisard. Er lebte zwischen 1650 und 1723 und war Notar und Bürgermeister in Grandval. Zudem war er zwischen 1698 bis 1722 Bannerherr der Probstei Moutier-Grandval und erlangte ein wenig Berühmtheit, als er sich 1705 erfolgreich gegen das Bistum Basel auflehnte.

Gesucht: Eifriger Student

Wer vor und nach Henry Wisard das Räucherhaus bewohnte, liegt im Dunkeln. Präsidentin Lanaz hofft noch immer auf einen eifrigen Studenten, der eine Masterarbeit über das Haus schreibt und die Vergangenheit ans Licht holt.

Der letzte Bewohner aber, Fritz Marti, ist vielen im Dorf noch ein Begriff. Er lebte bis kurz vor seinem Tod mit vierzehn Katzen im Maison Banneret und verkaufte geräucherte Würste und Speck an die Metzgereien in der Umgebung.

Stéphan Oester führt heute Martis Erbe weiter. Er besitzt eine Metzgerei im Dorf und räuchert seine Fleischwaren im Haus Banneret ? jeden Tag, von September bis Mai. Im Sommer werde nicht geräuchert, sagt Lucienne Lanaz, da gebe es zu viel Ungeziefer.

 

Lucienne Lanaz erklärt wie das Haus aufgebaut ist.

 

Hinter dem Haus gibt es einen Blumen- und Kräutergarten, daneben ein Speicher – ebenfalls  aus dem 17. Jahrhundert.

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